„Unsere juristische Ausbildung hat dringend ein Update nötig“ – Interview mit LEX Superior

LegalTech erobert die Branche der Juristerei, Kanzleisoftware, intelligente Vertragsgestaltungsmaschinen und weitere diverse Effizienzansätze sind aller Munde. Doch wenn es um die Studierenden geht, sieht das Angebot eher maus aus. Diese Lücke zu füllen und das Studium zu revolutionieren hat sich ein junges Team aus Heidelberg als Ziel gesetzt und ist mittlerweile auf dem besten Weg dorthin. Ich habe sie ausgefragt:

Wann und wie seid ihr auf das Thema Legaltech gestoßen, wie fing eure technische Karriere an?

Alex: Ich bin von Hause aus Ingenieur und Informatiker und habe mit Jura denkbar wenig am Hut gehabt. Das hat sich aber ziemlich geändert, als ich mit Johannes und Tianyu mit LEX superior angefangen habe. Beim Gespräch mit Juristen oder auf Legal-Tech-Veranstaltungen ist schon sehr auffällig, wie Informatiker und Juristen häufig und völlig aneinander vorbeireden. Deshalb ist es an der Zeit, dass Legal-Tech-Pioniere auf dieser Schnittstelle insbesondere auch Übersetzungsarbeit leisten. Johannes: Als Jurist haben sich auch meine technischen Kenntnisse lange auf Word, Excel und PowerPoint beschränkt, obwohl es mich immer schon interessiert hatte, wie denn das Ganze unter der Oberfläche funktioniert. Nach dem 1. Staatsexamen hatte ich dann von Stift und Papier erst mal genug und habe mir mittels Büchern, Online-Tutorials und schlichtem Trial & Error Kenntnisse im Webdesign angeeignet. Nach und nach kamen dann auch kompilierte Programmiersprachen dazu, mit denen ich im Moment am meisten arbeite. Im Gegensatz zu den Scheinproblemen und Endlosdiskussionen der Juristerei gefällt mir das Programmieren inzwischen sehr viel besser, da man das Arbeitsergebnis direkt sieht und unmittelbar etwas Neues dabei erschaffen kann. Tianyu: Vor meinem Jurastudium habe ich technische Kybernetik studiert. Das ist so ziemlich das abgefahrenste Studium, wenn man sich für Technik interessiert, da es Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik mit viel höherer Mathematik kombiniert. Insbesondere aufgrund dieser Vorprägung hat es mich während meines Jurastudiums schon immer geärgert, wie verkrustet und ineffizient die juristische Ausbildung, aber auch praktische juristische Tätigkeiten sind. Die Vorbereitung auf mein erstes Staatsexamen hat mich natürlich ein wenig vom Thema Legal-Tech abgelenkt (ok – Anfang 2014 war Legal-Tech noch nicht in aller Munde). Aber unmittelbar nach meinem ersten Staatsexamen habe ich mir gesagt: jetzt ist die Zeit gekommen, daran zu arbeiten. Und mit Alex und Johannes ging die Arbeit auch ziemlich bald los.  

Welche Medien, Möglichkeiten und Angebote habt ihr verwendet, um euch euer Grundwissen anzueignen?

  Diese Frage ist wirklich nicht leicht zu beantworten. Juristen fehlt es nämlich häufig bereits grundlegend am technischen Verständnis und auch am Interesse, diesen Umstand zu ändern. Dieses Grundwissen ist allerdings extrem verfügbar. Man muss sich nur einmal hinsetzen und Arbeit reinstecken. Neben Online-Inhalten wie beispielsweise Udemy, Udacity oder Codecademy ist auch dieses Buch extrem geeignet: „Computer Science Distilled: Learn the Art of Solving Computational Problems“. Im Optimalfall hat man noch einen Mentor zur Seite, der schon etwas Erfahrung im Programmieren besitzt und einem Dinge im Bedarfsfall erklären kann, wenn man mal absolut nicht weiter weiß. Wenn man sich erstmal eine Weile damit beschäftigt hat, wird man merken, dass Jura und Programmieren sich gar nicht so unähnlich sind. Das Tolle am Programmieren ist, dass man dabei äußerst logisch vorgeht und der Computer diese auch 1:1 umsetzt. Die Unschärfen, auf die man in der juristischen Logik zwangsläufig stößt, gibt es hier quasi nicht – und der Computer lässt auch nicht mit sich diskutieren. Was News zu Legal-Tech selbst betrifft, sind der Legal-Tech-Blog und Artificial Lawyer sehr empfehenswert.

Wie schätzt ihr die Zukunft ein: Wird es „Programmieren und Grundlagen der Technik“ als Schlüsselqualifikationsfach geben oder eher nicht? Oder anders gefragt: Schafft Legaltech den Einzug in die juristische Grundausbildung und wäre es eurer Meinung nach wichtig/notwendig?

  Wünschenswert wäre es allemal! Ob das geschieht, ist eine Frage der Personen, die hinter dem Thema stehen und ob sie es schaffen, sich an den einzelnen Unis mit diesem Thema auch durchzusetzen. Ein Problem daran ist sicherlich, dass die Entscheidungsträger von heute selbst nicht mit der modernen Technik aufgewachsen sind. Jura ist aus unserer Sicht ein extrem praktisches Studienfach. Und eine große Schwäche der juristischen Ausbildung sehen wir darin, dass sich das Studium aber fast nicht mit praktischen Fragen auseinandersetzt, sondern immer noch alte Probleme wieder und wieder neu ergründet und erfindet. Eine juristische Auseinandersetzung mit der Realität des 21. Jahrhunderts vermissen wir sehr! Und ein wichtiger Teil dieser Realität ist eben Legal-Tech. So wie die juristische Ausbildung im Moment strukturiert ist, besteht die Gefahr, dass sich unter den Juristen in Zukunft eine Art “Analoges Prekariat” bildet. Schon heute sind ja nicht unbedingt Juristen die Innovationstreiber in Sachen Legal-Tech. Anders gesagt: Solange man es noch nicht einmal fertig bekommt, Klausuren am PC schreiben zu lassen, mutet die Diskussion um Legal Tech im Jurastudium etwas albern an.

Welche Angebote würdet ihr euch an den Universitäten wünschen, gibt es vielleicht eine Vorlesung/einen Kurs an der Uni Heidelberg dazu?

  Es wäre an der Zeit, wenn man an juristischen Fakultäten sich die Zeit nimmt, hinter die Fassade der Buzzwörter Legal Tech und Artificial Intelligence zu schauen. Legal-Tech Veranstaltungen sollten 1. Grundlegende technische Konzepte erklären, 2. aktuelle Legal-Tech Anwendungen anschauen und analysieren, wie sie konzeptionell funktionieren und 3. sich überlegen, wie diese technischen Konzepte und Anwendungen die Tätigkeit von Juristen verändern werden. Diese Punkte lassen sich natürlich leichter aufs Papier bringen als umsetzen. Denn für die ersten zwei Punkte bedarf es schon einer hinreichenden technischen Expertise, die man sich als Dozent erst einmal aneignen muss. Was den letzten Punkt betrifft, sind die Universitäten leider nicht gerade dafür bekannt, besonders praxistaugliche Fragen zu behandeln. Während des Studiums stellt man sich nur Rechtsfragen im engeren Sinne (im Wesentlichen nur, wie Gesetze zu verstehen sind) und nicht die Frage, wie rechtliche Arbeitsprozesse aussehen und wie sie besser gestaltet werden können. Heidelberg hat sich glücklicherweise mit dem Promotionskolleg Digitales Recht auch auf den Weg gemacht, Legal-Tech thematisch zu behandeln. Wir würden uns sehr freuen, wenn das Thema bald auch auf studentischer Ebene adressiert werden würde.

Ihr seid noch nicht so lange aus dem Studentenalltag raus, manche aus eurem Team sind noch Referendare. Doch gerade in der Examensvorbereitung hat man eigentlich gar keine Zeit für gar nichts. Stattdessen habt ihr traumvolle Examina geschrieben und euer Projekt gegründet sowie erfolgreich durchgeführt. Was ist euer Zeitmanagement-Geheimnis?

  Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Eine Grundfähigkeit für ein ordentliches Examen ist sicherlich extrem effektiv und effizient arbeiten zu können. Dass man das aber auch lernen und üben muss, kapieren nur die wenigsten. Ein Klassiker auf diesem Gebiet wäre zum Beispiel Getting Things Done von David Allen – dieses Buch empfehlen wir sehr! An sich bleibt während der Examensvorbereitung ziemlich viel Zeit für andere Dinge übrig, wenn man nur effizient arbeitet. Wenn man lernt, muss man das eben auch konzentriert und klug tun. Wie das aus unserer Sicht funktioniert, erzählen wir in unserem Blog Jedenfalls muss man auch während der Examensvorbereitungszeit nicht jeden Tag 10 Stunden in der Bib verbringen. Wer in der Woche effektiv auf 35 Stunden Jura-Lernen kommt, ist schon sehr gut aufgestellt. Man darf sich da aber nicht selbst betrügen (netto Lernzeit mit Stoppuhr aufzeichnen) und muss auch auf die richtige Art lernen (siehe unser Blog).  

Was würdet ihr den Jurastudenten in Deutschland im Hinblick auf die Digitalisierung der Branche empfehlen und was sollte man unbedingt machen?

Jeder Jurastudent sollte mal einen Blick in die eigene Glaskugel wagen und sich überlegen, wie die Welt von Morgen wohl aussehen wird. Welche Fähigkeiten werden in der morgigen Welt noch wichtig sein und was wird obsolet werden? Unsere Glaskugel sagt jedenfalls: Höchstwahrscheinlich wird es nicht sonderlich nützlich sein, mit dem Stift zügig Papierseiten vollschreiben zu können. Und  das Auswendiglernen von Inhalten ist wohl auch nicht richtig zukunftsfähig, wenn man per Smartphone jederzeit quasi das gesamte Menschheitswissen zur Verfügung hat. Recherchen einer physikalischen Bibliothek werden wohl auch nur für Rechtshistoriker relevant. Die Technik entwickelt sich jedenfalls rasant und liefert der Menschheit im schnellen Takt immer neue und bessere Werkzeuge. Jurastudenten sollten sich diese Werkzeuge anschauen und sich überlegen, wie man sie für den eigenen Job einsetzen kann. Anschaulich: Wenn der Job darin besteht, eine Hauswand abzureißen, gibt es unzählige Möglichkeiten. Tritte mit einem beschuhten Fuß, Schläge mit einem großen und schweren Hammer, einen Presslufthammer oder eben den Bagger mit Abrisskugel. Wer gewinnt? Die Antwort ist ziemlich klar. Allerdings ist die Voraussetzung auch, dass man kapiert, wie der Bagger mit Abrisskugel zu bedienen ist. Genauso wird es in der Zukunft mit juristischen Werkzeugen sein.

Irgendwelche weiteren Anmerkungen?

Aus unserer Sicht hat Jura und insbesondere unsere juristische Ausbildung dringend ein Update nötig. Wir sehen aktuell nicht so richtig, dass sich seitens etablierter Systeme genug tut. Deshalb haben wir uns auf diesen Weg gemacht und hoffen, dass sich gerade aus der Gruppe der Studierenden, Referendaren und Doktoranden genügend Juristen Lust haben, uns auf diesem Weg zu begleiten und gemeinsam Projekte anzustoßen und das Jura von Morgen zu gestalten. Vielen Dank an Alex, Johannes und Tianyu von LEX Superior MerkenMerken MerkenMerkenMerkenMerken MerkenMerken MerkenMerkenMerkenMerken MerkenMerken

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