Interdisziplinäres Networking- Anwalt vernetze dich, aber nicht nur mit Juristen

 

Ausgangsfall: Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht hat eine so spezielle Fragestellung aus dem Bereich des Strafrechtes, dass er diese nicht beantworten kann. Seine Reaktion: „Überhaupt kein Problem; zum Glück arbeitet der nette Strafrechtskollege zwei Hausnummer weiter. Dieser kann mir die Frage beantworten.“ An wen wendet er sich aber, wenn das Telefon/Internet mal wieder nicht funktioniert, sodass er ihn nicht anrufen kann? An wen wendet er sich, wenn sein Computer eine für ihn unverständliche Fehlermeldung hat oder nach Ablauf der Garantiezeit plötzlich regelmäßig nur Bluescreens zeigt?

Ein Anwalt ist ein Dienstleister und Projektmanager; seine Mandate sind einzelne Projekte. Er arbeitet aber nicht alleine, sondern bestenfalls im Team, welches aus einzelnen Spezialisten besteht. Dabei muss das Team nicht immer dieselbe Zusammensetzung haben, zum Beispiel Sekretariat und Rechtsanwaltsfachangestellte. Die Teammitglieder können je nach Fall neu gemischt werden. Vielleicht brauche ich mal den Rat eines Kollegen, vielleicht werden wir zusammenarbeiten? Das Wichtigste ist nur, dass man jemanden hat an den man sich wenden kann, um Rat und Hilfe einzuholen. Denn niemand kann alles wissen und vor allem kann sich niemand in allen Bereichen vollumfassend weiterbilden. Doch das braucht man zum Glück auch nicht. Während innerhalb der Juristerei selbstverständlich ist, dass man mit Kollegen in Diskurs steht, scheint es so als hätte man alles andere drum herum vergessen. Juristen gehen mit Juristen gerne zu Tagungen, Konferenzen, Geschäftsessen etc.; andere Branchen werden außen vor gelassen. Juristen heiraten Juristen und nicht selten habe ich erlebt, wie über Angehörige einer anderen Branche schlecht gesprochen wird.

Um interdisziplinäre Zusammenarbeit werden wir jedoch in der Zukunft immer öfter nicht herumkommen können.

Angenommen man möchte für die Kanzlei einen neuen Server kaufen und für das Internet braucht man ja auch eine professionelle Lösung. An wen wendet man sich, wenn die meisten Kollegen diesen Schritt auch noch nicht getan haben? Es gibt derzeit drei Möglichkeiten: Man hofft darauf, dass jemand dieselben Probleme hat und diese über Google geteilt und erklärt hat; man hofft auf gute Rezensionen aus der Praxis oder man bezahlt ein Kanzleiberatungsunternehmen und lässt sich professionell beraten.

Doch hätte man ein Netzwerk aus verschiedenen Branchen, könnte man sich durch Fragen der Kollegen aus anderen Bereichen  vermutlich ein differenzierteres und oft besseres Bild machen.

Netzwerke waren noch nie so wichtig wie heute und werden immer wichtiger!

Anlass dieses Beitrages ist die Verleihung des „Digital Female Leader Awards“ am 1.12 in Berlin. Women in Digital, eine Gruppe aus wunderbar vernetzten Damen, die nicht müde werden ihre Kollegen, neue und potenzielle Freundinnen in das Rampenlicht zu stellen, um zu zeigen. „Schau mal was sie kann, schau mal was sie macht!“ Für den Preis wurde ich ebenso nominiert; und das tolle daran ist, ich bin nur eine Studentin. Denn Women in Digital ist mittlerweile so weit vernetzt und grundsätzlich so offen, dass sie die verrücktesten Start Up- Ideen mit etablierten Unternehmen und Studenten quer durch Deutschland verbinden. Und es funktioniert! Man könnte sich fragen: „Was hat man davon, wenn man zeigt was andere können?“ Verfolgt man die Twitter-Seite @Women_Digital wird es einem schnell klar. Man braucht nur  eine Kurznachricht (Tweet) und innerhalb von Minuten bekommt man die perfekten Empfehlungen für Speaker, Teamleiter, neue Mitarbeiter oder generell professionelle Hilfe bei jeglicher Art von Fragen, direkt von der Quelle aus der Community. Und bei uns? Unter Juristen herrscht schon während des Studiums ein gewisses Konkurrenzdenken und man hofft, dass die Anderen schlechter sind, damit man selbst besser wird. Wäre es aber so blöd mal zuzugeben, dass andere etwas eben besser können? Wieso holt man sich diese Person nicht einfach in sein Netzwerk und fragt diese wenn man Rat braucht? Es ist doch wesentlich bequemer sich indirekt von dieser Person z.T fortbilden zu lassen im Rahmen eines netten Cafébesuches anstatt stundenlang Bücher zu wälzen. Diese Person hat möglicherweise sogar schon jahrelange Erfahrung und kann Theorie von Praxis unterscheiden.

Und sonst gilt auch:

Wieso sollen wir Juristen das Rad komplett neu erfinden, wenn in anderen Branchen bereits etablierte und gut funktionierende Lösungen existieren? Wie wäre es, wenn wir die Zeit und Geld lieber in die Weiterentwicklung und Verbesserung dieser, statt der Entwicklung neuer Systeme investieren? Ich bin bis heute der Meinung, dass man beA auch wesentlich schneller, günstiger und besser hätte programmieren können, wenn man mehr in Diskurs mit Techunternehmen getreten wäre.

Doch generell dieser Diskurs wird zukünftig nötig sein, um die Branche hinreichend, sinnvoll und effektiv digitalisieren zu können.

Juristen hatten bisher schon kaum Kontakt mit Informatikern; wie soll es sich so schlagartig ändern?

Fakt ist, wir brauchen die Hilfe der Technikkenner. Die Juristen, die den Bedarf frühzeitig erkannt haben, haben bereits ein solches Netzwerk; diese sind zum Teil öffentlich u.a. auf Twitter einsehbar, s. Markus Hartung, Micha Manuel Bues, Nico Kuhlmann. Außerdem entstehen tagtäglich neue Meetups (mMn der moderne Begriff für Stammtisch), überall finden  Hackatons statt und die eine oder andere Konferenz zu Legaltech und Digitalisierung wird auch schon in quasi-wöchentlichem Takt organisiert. Zu kneifen geht nicht und das Argument: „es gäbe keine Möglichkeiten“ kann auch nicht geltend gemacht werden.  Insbesondere Hackathons dürften die perfekte Gelegenheit zum Networking sein, denn nirgendwo hier sind so viele unterschiedliche Branchen präsent. Lieber Gesetzgeber und liebes Justizministerium sowie BRAK; könnte man nicht zumindest die Konferenzen im Sinne der BRAO als Fortbildung gelten lassen? Schließlich ist die digitale Bildung wohl die am lückenhaftesten, wohlgemerkt aber nicht nur unter den Juristen.

Im Übrigen: dieser Blog ist ebenso das Ergebnis einer interdisziplinären Zusammenarbeit. Für die Beiträge zum Programmieren stehe ich stets in Kontakt mit René, die komplizierten Beiträge schreibt sogar er selbst. Die Beiträge zu sonstigen technischen Themen entstehen in Kooperation mit einem Ingenieur und sonst steht mir die gesamte Welt über Google helfend zur Verfügung. Im Übrigen: meine Beiträge werden auch Korrektur gelesen, an der Stelle vielen Dank an alle, die involviert sind!

Liebe Anwälte, vernetzt euch, tauscht euch mit der Praxis der Informationstechnologien aus und macht das Beste daraus! Fragt nach den Erfahrungen, nach Einsatzmöglichkeiten existierender Software & Hardware oder seid sogar mutig und fragt nach Kooperationsmöglichkeiten, um bereits Vorhandenes für juristische Bedürfnisse zurechtzufeilen und anzupassen. Oder versucht das Rad komplett neu zu erfinden und seht zu, wie die Digitalisierung an der Juristerei vorbeischießt und uns links liegen lässt.  Bitte nicht falsch verstehen: Wir brauchen stets Innovationen, doch an dem Punkt an dem wir uns derzeit befinden, können wir noch problemlos auf bereits etablierte Lösungsansätze zurückgreifen und diese mit der Zeit anpassen. Schließlich haben wir das BGB auch nicht komplett neu geschrieben. Wenn ihr es mir nicht glaubt, fragt mal die Rechtshistoriker in eurem Netzwerk;)

 

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