Legal Tech- Die Digitalisierung des Rechtsmarktes – statt konservativ innovativ

Dezember 2017, das Ende des Jahres in dem das Wort Legal Tech in das eigene Wörterbuch der meisten Anwälte aufgenommen worden sein dürfte; 27. November 2017 ist das Datum und der Monat, in dem die Marktlücke eines klassischen Printmediums zum Thema endlich gefüllt sein dürfte. Ob das Buch „Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts“ von den Herausgebern Hartung, Bues und Halbleib alleine diese Lücke füllen wird, verrate ich im Folgenden.

Quelle: Beck-Shop.de

Markus Hartung, Dr. Micha-Manuel Bues und Dr. Gernot Halbleib, drei Namen, die innerhalb der „Legal Tech-Szene“ oder den fleißigen Besuchern der verschiedenen Veranstaltungen im vergangenen Jahr keine Unbekannten sein dürften. Und auch im Bearbeiterverzeichnis findet sich ein bekannter Name nach dem Anderen. Rechtsanwälte, Praktiker und Gründer bilden diese Liste und es gibt nur vereinzelte Personen die ich vermisse (Nico Kuhlmann?).

So macht das Buch bereits ab den ersten Seiten lektüre des Inhaltsverzeichnisses, Spaß und Lust darauf gelesen zu werden; wobei diese durch den doch sehr wissenschaftlichen Aufbau etwas zerstört wird. Denn alleine nach der Optik könnte bereits der Eindruck eines ausschließlich wissenschaftlichen Werkes erweckt werden. Dabei sind die Themenbereiche der einzelnen Kapitel weniger theoretisch, vielmehr werden nach einer Einführung gleich bereits etablierte Praktiken, Vorgehensweisen und Erfahrungen aus mehreren Ländern, verschiedenen Kanzleigrößen und unterschiedlichen Anwaltstätigkeiten vorgestellt. Daneben werden nicht nur technische Einsatzmöglichkeiten, sondern auch der erste Schritt auf dem Weg zur Legal Tech-Strategie mit einer spannenden Anleitung angezeigt, sowie Risiken und Nebenwirkungen erläutert. So werden auch die größten Probleme der aktuellen Juristenausbildung (mangelnde Teamarbeit, keine technische Kompetenzen), der  Gesetzeslage des Berufsrechts oder das Recht des Datenschutzes, aber auch der grundsätzlich mangelnden Bereitschaft derzeitige Prozesse zu ändern aufgezeigt. Der Anwalt, aber auch der Gesetzgeber, scheint ein Gewohnheitstier zu sein und dies gilt zu ändern. Während man anfänglich schnell das Gefühl bekommen könnte in einem wissenschaftlich aufbereiteten Werbebuch für die verschiedenen Legal Tech Software, z.B. ContractorCheck, Kira, ROSS etc. zu sein, finden sich gerade in diesem Kapitel lehrreiche Erfahrungen, Empfehlungen und zum Teil auch Eigenkritik. Denn nicht nur die Funktionsweise und Einsatzgebiete der Programme werden vorgestellt, sondern auch die Entwicklungsphase sowie aufgetretene Schwierigkeiten, z.B. Kommunikation innerhalb eines interdisziplinären Teams, die es zukünftig zu vermeiden gilt. Selten wird man Rechtsanwälte sowie auch sonstige Personen in leitenden Funktionen so ehrlich erleben; der Eindruck wird jedenfalls erweckt als würde man zum Teil das Tagebuch der Entwickler oder die an der Entwicklung Beteiligten lesen. So wird neben dem lehrbuchartigen Scheitern von der Kanzlei Clearspire (Kap 3.7) berichtet, auch eine Rettung der Kanzlei Wilde Beuger Solmecke(Kap.4.3).

Dabei wird immer wieder wiederholt und es ist zunächst auch richtig:

die Vorteile der Digitalisierung stehen in erster Linie demjenigen zur Verfügung, der die nötigen fachlichen und finanziellen Ressourcen sowie Kapazitäten aufbringen kann oder dies zu tun bereit ist.

Dies klingt ja erstmal erschreckend für weniger finanzstarke Einzelanwälte, aber zum Glück wird in den folgenden Kapiteln ausreichend auf Aufgaben und damit verbundenen Möglichkeiten der „Wald-und-Wiesen-Anwälte“ aufgezeigt mit einer, wie ich finde, extrem hilfreichen Anleitung zur Eigendigitalisierung. Denn was die mittleren und kleineren Kanzleien betrifft, sagt schon der erste Satz im Kapitel 4.1.: denn die Möglichkeiten dieser werden im Konjunktiv eingeleitet…doch was bringt hätte hätte? Schön finde ich den Hinweis an der Stelle, dass

Legal Tech eigentlich eine Kopfsache und nicht unbedingt Geldbeutelsache ist.

Denn damit Innovationen und Digitalisierung bei den bisher genrealistisch ausgerichteten Kanzleien grundsätzlich ankommen können, werden andere Bereiche wie Marketing, Produktkenntnis aber vor allem digitale Kompetenzen erforderlich. Dennoch finde ich es etwas verfrüht kleinere Kanzleien dazu aufzufordern Google AdWords oder ähnliche Tools zu nutzen, wenn diese noch nicht einmal digital präsent sind und den Erwerb eines Scanners abwägen. Der entsprechende Appell ist mehr als berechtigt und erforderlich; viel sinnvoller finde ich jedoch erstmal eine eigene persönliche digitale Präsenz aufzubauen um dann diese der Kanzlei zu implementieren, wie dieses im Folgenden aufgezeigt wird. Im Übrigen herrscht in dem Buch generell eine etwas eher bilderbuchartige Darstellung der Anwaltschaft. Da es zwar spannend und tatsächlich sinnvoll ist über Anwendung und konkrete Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenzen zu sprechen, dennoch zu kompliziert und in Lichtjahren entfernt für diejenigen, die derzeit mit der Implementierung des beAs kämpfen. Und dennoch: der  Devise” learning by doing ” kann ich voll und ganz zustimmen und mal ganz ehrlich: befolgt man alle Tipps aus  Kapitel 4 und implementiert, sofern sinnvoll möglich, die genannten Software, dürfte der erste Schritt in eine digitalisierte und somit hoffentlich effizientere Anwaltstätigkeit getan sein. Voraussetzung ist natürlich, dass man diese bedienen kann.

Für alle Skeptiker empfehle ich die Lektüre der Seiten 157-163 aka. Kapitel 4.3.

Aber zu wenig, zu kurz und zu oberflächlich angekratzt ist vor allem ein Abschnitt: die juristischen Ausbildung. Denn Digitalisierung fängt dort an, wo Digitalisierung am Meisten vorhanden ist und das ist nachweislich, nach etlichen Statistiken, die je nach Bezeichnung sog. Generation Y, also hauptsächlich die derzeitigen Studierenden. So hätte ich mir von Dirk Hartung gewünscht, er hätte seine Beispiele ausführlicher und konkreter dargestellt und seine, zwischen den Zeilen lesbare Aufforderung nach einer technologischen Grundausbildung der Nachwuchsjuristen, deutlicher und provokativer geäußert.

Eine andere Wahl hat die Branche nämlich nicht, denn die Effektivität wird von den Mandanten erwartet! Es stellt sich aber auch die Frage: wie viel Aggressivität macht die konservative Anwaltschaft mit, ehe sie sich komplett gegenüber Innovation verschließt? Oder werden alle Legal Tech Ansätze wie Clearspire enden? Was heißt das insgesamt für die Zukunft? Am Besten gefällt mir als Vergleich der Grund der Namensgebung von Coral by Clearspire: wie ein Korallenriff sollten Legal Tech Software aber auch grundsätzlich jegliche Methoden der Digitalisierung sein, ein lebendiger Teil eines interdisziplinären Kanzlei-Ökosystem, aufbauend auf eine digitale Strategie.

Ausblicke in die Zukunft oder nur eine extrem innovativ-kreative Träumerei?

Die Vorschläge und Spinnereien der Autoren, wie die Zukunft aussehen könnte sind real und tatsachenbasiert, sodass wenig Zweifel begründet werden können bezüglich des Ob der Realitätsnähe. Ob jedoch am Ende Gerichtsverfahren per Videotelefonie durchgeführt, eine Vor-Subsumtionsmaschine oder eine Software, die stets alle Unterlagen der aus 400 Ordner bestehenden Akte eingesetzt werden; in dem Buch werden jegliche Möglichkeiten angezeigt und begründet. Die Lust auf die Zukunft wird erweckt und ich wünschte mir, die Entwicklung würde schneller voranschreiten.

Was bleibt am Ende?

Eine Sammlung spannender Einblicke in die Legal Tech Realität an Praxisbeispielen, die nochmal besonders ihre eigene Entwicklungsstufen verdeutlichen und Fehler aufzeigen, damit man aus diesen lernen kann. Die verschiedenen Kapitel können jedoch auch wie eine Brain-Storming Tafel für zukünftige Doktorthemen dienen, da am Ende eines besonders klar wird: Vieles ist umstritten, vieles steht noch nicht fest und das Meiste muss noch entwickelt werden. Fakt ist jedoch: “Gegen Innovation hilft keine Regulierung, und Fortschritt lässt sich nicht verbieten.”(M. Hartung). Umso mehr ist das Werk eine spannende und lehrreiche Zusammenfassung dafür was mal war, was derzeit existiert und was zukünftig auf Rechtsanwälte, Kanzleien und Syndika zukommen könnte. Dennoch finde ich die Themenauswahl etwas vorgegriffen und für das erste Buch, welches in die Thematik einführen sollte, doch etwas zu kompliziert. So hätte ich mir gewünscht, dass insbesondere Fachbegriffe aus der Informationstechnologie ausführlicher, gar etwas technischer, erklärt werden. Für die 2. Auflage wünsche ich mir daher eine Liste der Fachbegriffe und deren Erklärungen; wobei es sich die Frage stellt, ob bis dahin nicht alle über die Bedeutung der Begrifflichkeit im Klaren sein werden. Außerdem, aber der Mangel an solch´einem Angebot ist nicht den Autoren geschuldet, wünsche ich mir mehr “Legal Tech“-Beispiele aus der universitären Ausbildung, um den Lehrenden und Professoren etwas Inspiration liefern zu können, in der Hoffnung, dass Legal Tech den Einzug in die Ausbildung schafft.

Im Endeffekt: ich habe jede Seite des Buches genossen, am Ende der Leihfrist musste ich es der Bibliothek zurückgeben, sodass ich mich quasi gezwungen fühle das Buch selber auch zu erwerben.

Nachtrag: Kaum 3 Tage nach Veröffentlichung meiner Rezension erreichte mich ein Umschlag vom Herrn Markus Hartung mit einem Exemplar samt persönlicher Widmung. Dies bedeutet mich sehr viel und ich könnte nicht dankbarer sein! Vielen Dank!

 

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2 Kommentare

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar Herr Schebitz, ich wünsche Ihnen viel Spaß mit Ihrem Exemplar. Wie sie hoffentlich an dem Gesamtbild des Blogs gemerkt haben betreibe ich dieses als Hobby und nicht mit Gewinnerzielungsabsicht, dennoch vielen Dank für den Hinweis. 😉

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