LegalTech – ein großer Hype zum Scheitern verurteilt?

Haben die Vertreter der BRAK wirklich fundierte Rücksprache mit den Entwicklern gehalten? Hätte man beA nicht von Anfang an richtig konzipieren können, wenn die BRAK die Funktionsweise und Begrifflichkeiten wirklich verstanden hätte?…und hätte die BRAK beA nicht eher vom Netz nehmen können, wenn sie die tatsächlichen Lücken früher verstanden hätte? Für mich bilden diese Fragen die Grundlage der gesamten Problematik, zumal hierdurch erneut besonders deutlich wird, dass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit nicht schon dadurch entsteht, dass man Vertreter mehrerer Disziplinen an einen Tisch bittet, um Aufgaben zu verteilen.

Juristen müssen technische Kompetenzen erwerben, um ein technisches Grundverständnis zu haben.

 

Rechtswissenschaftler diskutieren, sie beraten sich, finden Argumente für oder gegen ein Thema – sie streiten sich sogar. Doch wenn alles gesagt zu sein scheint, wird das Thema ad acta gelegt bis jemand dieses 20 Jahre später wieder ausgräbt und versucht das Rad neu zu erfinden. War es nicht bereits in den 90er Jahren dasselbe? Haben die Innovationstreibenden nicht bereits vor 30 Jahren versucht Rechtsinformatik zu verbreiten und zu etablieren?

Der Unterschied von damals zu heute ist bloß, dass die Technologie in der Zwischenzeit extreme Fortschritte gemacht hat, während die Einstellung im Kopf der Menschen ähnlich geblieben ist. Das Thema hatte damals kaum Zuhörer; heute wird es vermutlich hauptsächlich nur wegen des besonderen elektronischen Anwaltspostfaches und wegen der „fancy“ Bezeichnung so heiß diskutiert. Doch die erforderlichen Interessen, das sog. digitale Mindset, wird nicht geweckt.

Eine Änderung muss her!

LegalTech, also die tatsächliche Digitalisierung des Rechtsmarktes, lebt nicht nur von Diskussionen, verschiedenen Konferenzen, Tagungen und Vorträgen über die theoretische Einsatzmöglichkeiten. Das die Digitalisierung erforderlich, vielmehr sogar zwingend notwendig ist, haben wir 2017 bereits ausführlich diskutiert. Die Anzahl der Konferenzen ließe sich vermutlich nicht genau feststellen und die Tendenz scheint in 2018 dieselbe zu sein. Hat man dann überhaupt noch einen Mehrwert? Bei einzelnen Veranstaltungen auf jeden Fall, jedoch sollte man wesentlich kritischer auswählen.

LegalTech als Diskussion gehört für mich aus diesem Grund ab 2018 nur noch in die Universitäten, da den Nachwuchsstudierenden die technische Expertise beigebracht werden sollte, um in den nächsten Jahren Legaltech betreiben zu können. Der Einstieg in die Thematik gehört zum Studium der Rechtswissenschaften; führt Rechtsinformatik wieder ein!

Und dann gibt es ja noch die andere Seite…

Die eher kaufmännisch und wirtschaftlich Denkenden sind auf das Thema Legaltech in 2017 extrem angesprungen und so entstanden die teuersten Events und Konferenzen mit übertriebenen Eintrittspreisen und Champagner, in der Hoffnung die breite Masse anzulocken und Gewinn zu machen (meine subjektive Meinung). An sich finde ich es auch nicht verwerflich, denn wo eine Nachfrage herrscht sollte es auch ein Angebot geben und der Markt diktiert den Preis. Die Arbeit und der Aufwand hinter so einer Veranstaltung darf auch nicht unterschätzt werden; immerhin führen diese Konferenzen dazu, dass das Thema weiter präsent bleibt, damit die Rechtswissenschaftler das machen können was sie am besten können – diskutieren. Diese Veranstaltungen schaffen außerdem für diejenigen eine Plattform, die LegalTech richtig betreiben, damit sie eine Audience und somit hoffentlich auch Kunden finden. Aber damit wären wir auch an dem Punkt angekommen, wozu dieser Beitrag eigentlich führen soll. Es geht um diejenigen, die Legaltech richtig betreiben, also um die Nichtrechtswissenschaftler und die interdisziplinär organisierten Teams der Startups. Dort fängt nämlich für mich die richtige Digitalisierungsarbeit an; es sind genau diejenigen, die derzeit Legal Tech vorantreiben und effektiv umsetzen. Es ist aber auch gleichzeitig der Punkt, an dem es für uns unangenehm wird. Wenn man als Jurist nicht mehr mit Theorien aus der Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie der Römer, Entstehung der Gesetze und Wortlaut etc. argumentieren kann und im Zweifel einen der gängigen Kommentare aufschlagen oder nach Rechtsprechung suchen kann.

An diesem Punkt müssen wir zugeben, dass wir keine Ahnung haben.

 

Es ist nicht schlimm, denn sobald man diese Tatsache sich selbst eingestehen kann, kann man diese auch ändern. An diesem Punkt müssen wir nämlich Fachbücher der Informatik, Elektrotechnik, Physik und co aufschlagen und uns die Grundlagen und Grundkenntnisse aneignen. Die Argumentation, dass man keine Zeit dafür hätte, greift für mich nicht; denn wer heute keine Zeit für das Thema hat, der wird möglicherweise in ein paar Jahren genug Zeit haben sich weiterzubilden, da er aufgrund der Ineffizienz seine Kanzlei dichtmachen oder sich mit anderen zusammenschließen müsste. Dies wäre natürlich das schlimmste Szenario, welches eintreten könnte. Jedoch ist die Frage, ob diejenigen, die heute schon nicht mitkommen es mit der Zeit nicht umso schwieriger haben und später umso mehr Zeit für die Grundlagen benötigen. De facto werden diejenigen, die sich heute mit technischen Problematiken beschäftigen einen erheblichen Vorsprung gewinnen und den Markt dominieren.

Neue Produkte, die die anwaltliche Arbeit unterstützen müssen noch weiterentwickelt werden und überhaupt entstehen; sie wachsen aber nicht auf Bäumen und wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, dass nur die Software aus den USA den Einzug auf den deutschen Markt schafft. Insbesondere dürfen wir uns demnach nicht über Datenschutzprobleme ärgern. Außerdem können deutsche Programmierer, Informatiker und Ingenieure genauso gut, wenn nicht sogar besser sein; sie brauchen nur jemanden, der anstatt ewig zu diskutieren einfach mal macht! Hier ist aktives Handeln das Wichtigste.

1. Eine komplett neue Software wird niemals von Anfang an perfekt funktionieren!

Den Anspruch, den wir bei unseren Klagen, Gutachten, Urteilen etc. an uns haben stets perfekt zu sein und alles beachtet zu haben, ist nicht umsetzbar. Vielmehr müssen wir uns überlegen welche Funktionen die Wichtigsten für uns sind, um den Rest nach und nach auf Basis der Hauptfunktionen auszubauen.

2. Probieren geht in dem Fall über Studieren!

Softwareentwicklung dauert seine Zeit und es ist nicht förderlich, wenn man jeden einzelnen Schritt in Frage stellt und bis auf die letzte Silbe ausdiskutieren möchte. Natürlich müssen verschiedene Regelungen, Lizenzen und Vorschriften dabei beachtet werden, aber wie oben bereits erwähnt, wird die Software nicht von Anfang an perfekt funktionieren. Vielleicht fängt man mit einer Idee an und am Ende entsteht etwas komplett anderes; aber Softwareentwicklung lebt vom Machen und nicht vom Abwägen und Ausdiskutieren.

Also liebe Legal Tech Szene:

2018 erhoffe ich mir mehr Workshops, Hackathons, Grundlagenkurse zur Programmierung und wenn Diskurs, dann interdisziplinär. Führt endlich verschiedene Disziplinen zusammen, so wie beispielsweise das Legal Tech & Innovation Meetup Markus Drenger als Informatiker und Gast eingeladen und mit ihm diskutiert hat. Ich wünsche mir in 2018 richtige Innovationen, Ziele, Aussichten und Projekte. Kooperationen, Ideen und Verwirklichungsversuche sollten den Markt prägen, denn die Digitalisierung wird nicht dadurch vollzogen, dass man nur darüber redet.

Bringt die Praxis an die Anwaltschaft heran und lasst die Anwaltschaft mal machen!

Alternativ können wir uns aber auch fragen:

Wollen wir am Ende des Jahres Legal Tech wie Rechtsinformatik begraben und in 30 Jahren wieder neu aufrollen?

 

 

 

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