1. Legal Tech Hackathon @ Freshfields – Bericht von Johannes Maurer

“Freshfields Bruckhaus Deringer wählte das Format einer Präsenzveranstaltung und veranstaltete vom 17. bis 18. Mai 2018 in ihrem Frankfurter Büro den „1. Legal Tech-Hackathon @ Freshfields“ in Zusammenarbeit mit dem Expertentool-Anbieter Neota Logic. Hiervon handelt dieser Bericht.”

Legal Tech, Hackathon – beide Wörter geistern hierzulande seit gewisser Zeit durch den juristischen Sprachgebrauch. In den vergangenen beiden Jahren mangelte es keineswegs an Vorträgen, Seminaren und Konferenzen, die sich in irgendeiner Form dem Thema „Legal Tech“ widmeten. Der letzte Legal Tech Hackathon (im deutschsprachigen Raum), bei dem neue technische Lösungen für den Rechtsmarkt erdacht und entwickelt werden sollten, fand im Februar dieses Jahres im Rahmen der Berlin Legal Tech 2018 statt. Und mit der Swiss Legal Tech 2018 steht im September in Zürich bereits das nächste Legal Tech-Event samt Hackathon an.

Eine wirklich neue Entwicklung ist hingegen, dass sich nun auch Wirtschaftskanzleien dem Thema annehmen, um dadurch dem juristischen Nachwuchs die Möglichkeiten für den Einsatz von Technologie in der juristischen Praxis näher zu bringen. So hat beispielsweise Hogan Lovells vor Kurzem die „Legal Tech Competition 2018“ ausgeschrieben, bei der noch bis Mitte August innovative digitale Tools zur Lösung von Problemen auf dem Rechtsmarkt, eingereicht werden können. Freshfields Bruckhaus Deringer wählte hingegen das Format einer Präsenzveranstaltung und veranstaltete vom 17. bis 18. Mai 2018 in ihrem Frankfurter Büro den „1. Legal Tech-Hackathon @ Freshfields“ in Zusammenarbeit mit dem Expertentool-Anbieter Neota Logic. Hiervon handelt dieser Bericht.

Das Bewerbungsverfahren & die Einarbeitung

Das Bewerbungsverfahren für den Hackathon lief im Grunde wie auch sonst bei Kanzlei-Events ab. Schon in der Ausschreibung war explizit darauf hingewiesen worden, dass keinerlei Programmierkenntnisse für die Teilnahme erforderlich seien. Während des Hackathons wurden die  Apps nämlich mit dem Neota Logic-Framework erstellt. Dieses ermöglicht es, die hinter Entscheidungsbäumen stehende Logik mittels einer grafischen Benutzeroberfläche in einer benutzerfreundlichen App aufzubereiten (dazu unten mehr). Die Bewerbung konnte entweder individuell oder in Teams erfolgen. Ich selbst hatte mich individuell beworben und wurde nach der Zusage mit weiteren drei Teilnehmern, die sich ebenfalls einzeln beworben hatten, einem Team zugeteilt. Anhand einer Liste von vorgegebenen Themen einigten wir uns vorab darauf, eine App für die Ermittlung des Bußgeldrahmens für Kartellverstöße anhand der “Leitlinien für die Bußgeldzumessung in Kartellordnungswidrigkeitenverfahren (Bußgeldleitlinien)“ des Bundeskartellamts zu erstellen. Die Einarbeitung in das Neota Logic-Framework fand über ein Online-Tutorial statt, in dem sowohl eine Einführung in Neota Logic als auch das Setup des Legal Tech Hackathons gegeben wurde.

Die Teilnahme am Hackathon vor Ort

Vor Ort ging es nach einer Begrüßung und kurzen Einführung in das Veranstaltungsformat direkt daran, die App zu erstellen. Der vorgegebene Zeitplan war durchaus ambitioniert, da im Grunde nur der Donnerstagnachmittag und der Freitagvormittag zur Verfügung standen, um unsere Skizzen und vagen Vorstellungen von der Funktionsweise der App in ein präsentables Produkt umzusetzen, das vor der mit Freshfields-Anwälten und Vertretern von Rechtsabteilungen besetzen Jury Bestand haben würde. Das hierzu benutzte Neota Logic-Framework kann man sich als eine Art Baukasten für Juristen vorstellen. Dahinter steht die Idee, dass bestimmte Berufsgruppen (wie in diesem Fall eben Juristen) eine besondere Form von strukturiertem Expertenwissen haben, das sich in Entscheidungsstrukturen abbilden lässt. Zugleich hat diese Berufsgruppe aber in den seltensten Fällen die nötigen Programmierkenntnisse, um dieses Expertenwissen beispielsweise in Form einer App aufzubereiten. Auch die Zusammenarbeit mit externen Programmierern ist aufgrund des großen Koordinationsaufwands oder schlicht mangelnder Ressourcen oftmals keine Option. Diese Lücke wollen die Anbieter von Experten-Tools, wie Neota Logic (oder neuerdings Ryter aus Frankfurt/Berlin) schließen, indem sie mit ihren Tools eine grafische Benutzeroberfläche anbieten, in der Entscheidungsstrukturen nachgebildet werden können. Den Rest, d.h. die Umwandlung dieser „gezeichneten“ Strukturen in eine funktionstüchtige App, übernimmt wiederum das dahinter stehende Programm. Dies ermöglicht es, Expertenwissen ohne tiefgreifendes Programmierwissen in Form einer App aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen.

Meine Erfahrung mit Neota Logic

Unser Team kam mit dem Neota Logic-Framework nach ein paar Stunden relativ gut zu Recht. Zugute kam uns dabei, dass wir sowohl von unserem Team-Captain, einem erfahrenen Freshfields-Anwalt, der eben jene Bußgeldrechner-App selbst schon einmal erstellt hatte und den vier Mitarbeitern von Neota Logic vor Ort unterstützt wurden. Aus meiner Perspektive war die Arbeit mit Neota Logic auch vor allem deswegen besonders interessant, da ich als Coding Lawyer mit einer Reihe „richtiger” Programmiersprachen und Frameworks vertraut bin. So muss ich einerseits sagen, dass diese Experten-Tools durchaus ihre Berechtigung haben, da mit ihrer Hilfe mit überschaubarem Aufwand strukturierte Anwendungen erstellt werden können, die es andernfalls schlicht nicht gäbe. Andererseits hat es mich während der Arbeit mit Neota Logic aber auch oft „in den Fingern gejuckt“ und ich hätte beispielsweise Variablen oder if-Statements am liebsten einfach in meiner gewohnten Entwicklungsumgebung runter geschrieben, anstatt auf einer grafischen Oberfläche bunte Kästen mit Pfeilen zu verbinden. Meine Programmierkenntnisse konnte ich während des Hackathons aber auch auf andere Weise in die Teamarbeit einbringen, wenn es beispielsweise um grundlegende konzeptionelle Herangehensweisen ging (die hinter der grafischen Oberfläche stehende Programmierlogik ist ja letzten Endes doch dieselbe).

Während der Entwicklung der App zeigte sich zudem auch ein struktureller Unterschied zwischen der herkömmlichen juristischen Arbeitsweise und derjenigen in der Softwareentwicklung: Juristen sind es gewohnt, eine möglichst allumfassende Lösung zu entwickeln, die auch noch der letzten Eventualität Rechnung trägt. Erst wenn diese Lösung dem Grunde nach steht, wird sie dem Mandanten präsentiert. In der Softwareentwicklung ist es hingegen Gang und Gäbe, zunächst eine Minimallösung (ein sog. minimum viable product) zu entwickeln und dieses dann im weiteren Verlauf mit immer mehr Features zu bestücken. Zudem sind juristische Ausarbeitungen meist nicht besonders gute Beispiele, wenn es um Nutzerfreundlichkeit geht – die verklausulierte Sprache mag zwar ihren Zweck erfüllen, aber allgemeinverständlich ist sie deswegen noch lange nicht. Bei der Entwicklung von Apps ist die usability bzw. user experience hingegen neben der ordnungsgemäßen Funktionsweise das A und O.

Der Abschluss

Nach getaner Arbeit standen am Freitagnachmittag schließlich die Abschlusspräsentationen an. Jedes Team hatte wenige Minuten Zeit sowohl seine App als auch den dahinter stehenden Anwendungsfall der Jury zu präsentieren. Zwar gab es hier aufgrund der vorgegebenen Themen inhaltlich keine großen Überraschungen, aber dafür zeigte sich, dass ein paar Teams dem restlichen Teilnehmerfeld in technologischer Hinsicht weit voraus waren. Dass die Präsentationen – obwohl im juristischen Umfeld gehalten – eher Pitches von Startups ähnelten, lockerte die Atmosphäre angenehm auf. Das Rennen machte letzten Endes ein Team von der Bucerius Law School, das einen Bußgeldrechner nach den Leitlinien der EU-Kommission programmiert hatte. Fairerweise erhielten jedoch auch alle übrigen Teams einen Preis in zumindest einer Unterkategorie, sodass niemand leer ausging.

Fazit

Zusammenfassend kann ich vom 1. Legal Tech Hackathon @ Freshfields eine durchweg positives Fazit ziehen. Allein dass sich mit Freshfields nicht irgendeine Kanzlei, sondern der Marktführer in Deutschland aus der Deckung wagt und ein völlig neues Veranstaltungsformat ins Leben ruft, ist bemerkenswert. Andere Kanzleien im Markt dürfen sich damit durchaus herausgefordert sehen. Offen bleibt hingegen für mich die Frage, ob es bei solchen Recruiting-Events in Form eines Hackathons bleiben wird oder ob dies der Beginn eines Wandels im Berufsbild des Wirtschaftsanwalts ist. Andersrum gedacht könnten auf Grundlage solcher Technologien in Zukunft auch ganz neue Berufsbilder in Kanzleien entstehen. Sicherlich gilt es hier noch einige Hindernisse, etwa in berufsrechtlicher Hinsicht, zu überwinden, aber daran wird es bei entsprechendem Willen nicht scheitern. Zwingend erforderlich für einen solchen Wandel ist aber auf jeden Fall ein digitales juristisches Mindset und die Bereitschaft, mit bestehenden Konventionen zu brechen. So kam im Gespräch mit einem anderen Teilnehmer des Hackathons die Frage auf, was wohl dabei herauskäme, wenn eine Gruppe von Praktikanten, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Referendaren einen Sommer lang mit einem Tool wie Neota Logic oder Ryter und Zugriff auf das in der Kanzlei vorhandene Wissen solche Apps bauen würde. Voraussetzung hierfür wäre freilich, dass in der Kanzlei die Bereitschaft bestünde, eben jenes Wissen zugänglich zu machen und diese Gruppe „einfach mal machen zu lassen“. Zu verlieren hätte hierbei niemand etwas – zu gewinnen gäbe es für alle Beteiligten hingegen sehr viel!

 

Der Autor Johannes Maurer ist Mitgründer des Heidelberger Legal Tech-Startups LEX superior.

 

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