Geht Jura so anders? – eine Buchrezension

„Der Titel müsste also lauten “So geht Jura richtig” oder “Jura kann auch Spaß machen”...also Hut ab meine Herren; das ist euch wirklich gelungen!“

Rückblickend, nun am Ende des Studiums angelangt, muss ich ehrlich sagen, dass ich insgesamt dreimal einen Jura-Studienratgeber in die Hände genommen habe: in der ersten Uniwoche, kurz vor dem dritten Versuch einer Zwischenprüfungsklausur und zur Erstellung meines Lernplans für das Examen. Jedes Mal nahm ich ein dünnes Büchlein in die Hand und nie kam ich über 40 Seiten. Zu langwierig, zu viel Blabla und zu wissenschaftlich. So war ich also sehr gespannt, was das neue Format „Jura geht auch anders“ von Specht/Bleckat kann. 

Disclaimer: das Buch wurde mir vom Beck Verlag kosten und bedingungslos zur Verfügung gestellt. Das entsprechende Exemplar wird über Instagram verlost. Das Gewinnspiel läuft bis zum 01.11.2018 

Das Ziel – erfüllt

„Dieses Buch möchte Vorurteile über und Ängste vor dem Jurastudium abbauen. Die Autoren geben angehenden oder bereits aktuellen Jurastudenten einen Leitfaden an die Hand, den man zu jeder Zeit des Studiums (und auch bereits davor) zu Rate ziehen kann. Auf über 120 Seiten werden Tipps und Tricks verraten, Studienordnungen analysiert und die Wichtigkeit einer guten und frühen Planung betont.“

So sind die Autoren neben den Grundlagenfächern und Schlüsselqualifikationen auf die einzelnen Scheine, Klausurentipps, Lernplanerstellung, Praktikaplanung und einigen weitere Themen rund um das Thema Jurastudium eingegangen. Der Unterschied zu anderen Werken liegt in der Formulierung und dem Ton. Ich habe persönlich bei diversen Ratgebern bemängelt, dass diese immer im gehobenen juristischen Stil und entsprechender Sprache geschrieben werden und daher eher von der Lektüre abschrecken als darauf Spaß und Lust zu machen; insbesondere dann, wenn man entsprechende Werke als Vorbereitung auf das Studium liest. Außerdem wurde anderswo von Anfang an eine gewisse Distanz aufgebaut, als sei der Autor seit Jahrzehnten nicht mehr an der Universität gewesen; es herrschten Welten zwischen Leser und Autor. So war es für mich eine willkommene Abwechslung von ihrerseits Diplomjuristen ihre Erfahrungen zu erhalten und Vorschläge zu bekommen, wie man es besser machen soll.

Psychologie 

„Sie zeigen ferner, warum es nicht zwingend ein “Vollbefriedigend” braucht, um erfolgreich im Rechtsmarkt durchzustarten.
Enthalten sind Abschnitte zu

  • Wie lerne ich richtig?
  • Bin ich fleißig genug, um das juristische Examen zu bestehen?
  • Wie komme ich gegen die Stoffflut des Studiums an?“

Das Studium verlangt nach meiner Ansicht eines: Frustrationstoleranz. So fand ich schön, dass die Autoren ein besonderes Augenmerk auf die (eigene) Motivation und die psychologische Unterstützung gelegt haben. Wie schaffe ich einen gesunden Ausgleich? Wie komme ich mit dem Druck, insbesondere während der Examensvorbereitung überhaupt zurecht? Es wurde zwar viel mit Grundlagen und Basics wie Tipps und Tricks gearbeitet (z.B. Lerngruppen, kommerzielle und universitären Repetitorien) und oft wurde einiges für meinen Geschmack zu allgemein gehalten. Oft würde ich auch aus eigener Erfahrung den Angaben widersprechen, zum Beispiel das kommerzielle Repetitorien immer besser auf den eigenen Wissenstand eingehen können und der Unterricht im kleineren Kreis stattfindet. Denn ich saß mit über 60 Personen gleichzeitig im Kurs; daraus resultiert, dass dieser Rahmen für einzelne Verständnisfragen keinen Raum lässt. Dennoch handelt es sich möglicherweise aber auch um einen Einzelfall. So würde ich jedem, wie die Autoren bezogen auf die Wahl der AG-Leiter ansprechen, selbst stets dazu raten mehrere Kurse zu besuchen und sich so für eine oder mehrere Arten der Examensvorbereitung zu entscheiden. Schließlich gibt es kein Geheimrezept. 

Dennoch fand ich einzelne Abschnitte motivierend z.B., dass die Autoren selbst nicht alle Klausuren bestanden haben, die Erläuterungen zu Gründen unterschiedlicher Notengebung oder die beispielhafte Ausrechnung einer potenziellen Examensnote spannend und eine gute Lösung den Studierenden eine Portion Ansporn mitzugeben 

Außerdem habe ich mich sehr gefreut, dass das Thema schlechte Professoren und AG-Leiter überhaupt angesprochen wurde. Oft heißt es, es lege an einem selbst, dass man mit dem Professor nicht zurecht kommt; jedoch scheint für die meisten nicht in Betrachten zu kommen, dass deren Vorlesungen, Materialien oder Kurse generell einfach schlecht sind oder man traut sich nicht dies offen und ehrlich zu sagen. Ein schlechter Kurs ist ein schlechter Kurs und ein somit auch ein unnötiges Zeitinvestment, wie Specht und Bleckat zutreffend erkannten und zu alternativen Lernmethoden geraten haben. 

Fasst mal an eure eigene Nase

„Weil Bildung keine Einbahnstraße sein kann, muss man eine Mitschuld auch bei den Studierenden selbst suchen“. 

Natürlich sind die Ministerien, Prüfungsämter und die Universitäten an allem Schuld( 😉 ). Schließlich wird selten eine Revolution, eine Änderung vorgenommen; wir Studierende sind zu oft mit uns selbst und unserem Studium beschäftigt. Nur weil die Studien- und Prüfungsordnung den Besuch interdisziplinärer Veranstaltungen nicht vorsehen, heißt es noch lange nicht, dass man diese nicht besuchen könnte. Für die Erweiterung unseres Horizontes sind wir selbst verantwortlich und wenn die Fakultäten ihren Bildungsauftrag in der Hinsicht nicht wahrnehmen wollen (oder können), dann ist Eigeninitiative gefragt. Aus dem Grund sind zum Beispiel studentische Initiativen zu Legal Tech, Refugee Law Clinic oder Cyber Law Clinic, Debattierclubs o.ä. entstanden. Hier hätte ich mir aber einen stärkeren Appell und die Betonung der Wichtigkeit gewünscht, dass man auf andere Veranstaltungen außerhalb der Juristerei hingewiesen wird oder dazu motiviert wird die entsprechende Recherche selbst vorzunehmen. Dies kommt leider für meinen Geschmack zu kurz und erschöpft sich bei der Behandlung des Themas der Digitalisierung. Hier werden dem Leser aber wichtige und wertvolle Informationen sowie Appelle mitgegeben: 

„In der Digitalisierung hängt Erfolg nicht von guten Abschlussnoten, sondern von Fähigkeiten ab, die nicht unbedingt im Hörsaal erlebt werden…Die Gefahr für angehende Juristen liegt damit nicht in einem mangelnden „vollbefriedigend“, sondern vielmehr darin, den digitalen Wandel im Rechtsmarkt zu verschlafen.

Zum Teil zu unspezifisch

Insgesamt ist der Ratgeber recht allgemein gehalten und geht wenig auf die einzelnen Spezifika der Universitäten und Fakultäten ein. Dies ist jedoch auch nicht seine Aufgabe; meistens wird außerdem sogar darauf hingewiesen entsprechende Abweichungen der Länder zu beachten. Dennoch finde ich es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Arbeit nicht bereits damit getan ist das Buch gelesen zu haben. Man muss weiterhin selber aktiv werden und nun die genannten Quellen nutzen, um die Spezifika der eigenen Fakultät herauszufinden. Dafür finde ich die im Anhang eingepflegte Grafiken und Informationen toll und sehr hilfreich für den ersten Überblick. Im gesamten Buch sind nach meinem Empfinden alle Themen, Eckpunkte und wichtigen Grundlagen angesprochen, die es von Anfang an zu beachten gilt. 

Zum Teil sehr subjektiv 

Ab und an tauchen dann Abschnitte in dem Buch auf, z.B. Forderungen nach Work-Life-Balance oder die Idealvorstellung der Autoren, dass klassische Bewertungsmaßstäbe, Zeugnisse und Noten immer mehr an Bedeutung verlieren würden. Aber sie fordern diese nicht selbst ausdrücklich und es findet sich auch keine wirkliche Erklärung dafür, warum es so sein sollte oder welche Alternativlösungen hier in Frage kommen.

Auch wird das Thema LegalTech nur an einzelnen Stellen, zum größten Teil abseits vom Hauptteil in einer kurzen Erklärung und in Interviewform angesprochen. Hierbei hätte ich mir längere Ausführungen, Zukunftsperspektiven oder Anregungen gewünscht. Aber auch zu anderen Themen, in denen das Recht und die Rechtswissenschaften zunehmend immer komplexer wird, hätte ich gerne gesehen. So wird meiner Meinung nach der Datenschutz zukünftig in jeglicher Form von Rechtsausübung relevant sein. Entsprechend müsste zukünftig dieser Bereich als Grundlage in das Hauptstudium Einzug finden und hätte so auch hier ausführlicher behandelt werden sollen. Aber was ist mit eHealth, eSport, Blockchain, VR und all den Bereichen, die erst in den letzten zehn Jahren überhaupt entstanden sind oder noch entstehen werden? Das Recht wird nicht nur durch Legal Tech revolutioniert, die klassische veraltete Ausbildung wird immer mehr aus verschiedenen Bereichen angegriffen, die allesamt nach einer Revolution schreien. Rhetorik, Psychologie, Marketing- und Kommunikation, Business und Strategieentwicklung sind beispielsweise Themen, bei denen es, wie die Autoren zutreffend erkennen, nicht mehr ausreicht bloß in Form einer einstündigen Schlüsselqualifikationsvorlesung, welche auch nur dreimal oder gar nicht stattfindet, beigebracht zu werden. Von einem alternativen Ratgeber für das Jurastudium hätte ich in der Hinsicht ein wenig mehr erwartet, dass auf die o.g. Themen ausführlicher hingewiesen und dafür appelliert wird, sich die entsprechenden Themen selbst zu erarbeiten, um so über den Tellerrand gucken zu können. 

Fazit

 Kann ich aber das Buch also empfehlen? – es kommt darauf an: Der Titel heißt “Jura geht auch anders”. Sucht man also nach einem Ratgeber zu alternativen Möglichkeiten zu modernen und eben nicht traditionellen Berufswegen oder alternativen Ausbildungs- und Zukunftsperspektiven, dann kann ich das Buch nicht empfehlen. Es liefert nämlich, abgesehen von den Interviews und den kleinen aber oft zusammenhangslosen Ausblick zum Thema Legal Tech nichts, was das Studium anders machen würde. Auch wenn ich die leisen Appelle für eine sinnvollere Notenvergabe, bessere Bezahlung der Korrekturassistenten und Modernisierung der Lehre toll und sehr mutig finde, liefert es für mich nicht das, was ich mir von einem „alternativen Ratgeber“ erwarten würde. 

Das heißt aber nicht, dass es nicht grandios ist. Ich finde den Ratgeber wirklich sehr gut gelungen! Specht und Bleckat schaffen es eine tolle Informationsquelle zu sein, die sogar ich als Nichtmuttersprachlerin mit einer sehr langsamen Lesegeschwindigkeit innerhalb von zwei Stunden gelesen und verinnerlicht habe….würde ich also jetzt mit dem Jurastudium anfangen, dann würde ich mir das Buch auf jeden Fall kaufen und die enthaltenen Ratschläge auf jeden Fall beherzigen. Es liefert alle wichtigen Eckpunkte, Informationen und Problemfelder, um die man sich möglichst früh Gedanken machen sollte, um von der Erstiwoche bis zur Examensfeier keine bösen Überraschungen erleben zu müssen. 

Der Titel müsste also lauten “So studierst du Jura richtig” oder “Jura kann auch Spaß machen”…also Hut ab meine Herren; das ist euch wirklich gelungen! 

Somit steht aber der Plan eines alternativen Ratgebers noch offen: Wer möchte also einen Ratgeber zu dem Thema Bachelor of Laws, innovativen und aktuellen Themen wie eHealth, eSport, Datenschutz, Legal Tech,  Legal Design im Studium und zu alternativen Berufswegen danach schreiben? Freiwillige vor 😉 

 

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