Swiss Legal Tech 2018 in Zürich – ein Hackathon How to

 

 

Vergangene Woche versammelten sich in Zürich 100 Hacker, darunter Juristen, Studierende, Entwickler, Designer und sog. Legal Engineers mit dem Ziel die Zukunft zu gestalten. Wie es ihnen im Rahmen des Swiss Legal Tech Hackathons gelang und welche Projekte von der internationalen Jury ausgezeichnet wurden beziehungsweise worauf es bei einem (LegalTech) Hackathon ankommt – ein Bericht.

Es geht los

17.09.2018 –  8:55 Uhr …und die Aufregung steigt langsam. Schließlich kann man nie sicher sein, wie viele von den angemeldeten Teilnehmern tatsächlich zu der Veranstaltung kommen. 

Die Gefahr: wir haben über 50 % der Interessenten abgelehnt. 

Der Grund: ansonsten nicht vorhandene Diversität, zu späte Registrierung…

…die Liste ließe sich beliebig weiterführen; auf Eines wurde jedoch geachtet: niemand wurde bevorzugt zugelassen (Ausnahme: Studierende). Worauf aber besonders Wert gelegt wurde, ist, dass ein gewisses Gleichgewicht zwischen den diversen Professionen gewährleistet werden soll. Schließlich macht ein Hackathon ohne Entwickler überhaupt keinen Sinn, während ein Legal Tech Hackathon ohne Juristen erst recht nicht zielführend ist. 

9:05 Uhr – …und die ersten Teilnehmer treffen ein, die Namenskärtchen werden ausgeteilt und die zu besetzenden Rollen symbolisch mit Stickern beklebt. Während circa 90 weitere Teilnehmer innerhalb einer Stunde eintrafen, wurde die Möglichkeit für networking genutzt – doch die Arbeit sollte bald losgehen. 

Brainstorming Sessions, Teambuilding und Pitches füllten die nächsten drei Stunden; es sollten Ideen und Gruppen zu den Themen AI, Blockchain, IoT, A2J und weiteren berühmten Buzzwords gefunden werden. Eine inhaltliche Einschränkung gab es jedoch nicht. So bildeten sich die ersten Teams und die ersten Github Repositories gründeten sich. Nach der Mittagspause ging die tatsächliche Arbeit auch schon los. Manche reisten bereits mit einer eigens mitgebrachten Idee nach Zürich; ob sie jedoch einen größeren Vorteil gegenüber den anderen Teilnehmern hatten wage ich zu bezweifeln. Schließlich musste man aus der Grundidee eine kleine Machbarkeitsstudie und aus dieser einen Prototypen herstellen. 

Keine falsche Scheu oder Bescheidenheit

Was kannst du, wen suchst du, was wollen wir überhaupt machen? 

Nach diesen Fragen ließen sich die Mitstreiter der nächsten Stunden schnell finden; dabei war eine falsche Bescheidenheit jedoch selten zielführend. 

Kannst du programmieren? Kennst du dich mit der DSGVO aus? Bist du noch Student oder hast du bereits Berufserfahrung? 

Die ehrliche Beantwortung dieser Fragen ist essenziell, schließlich bringt es niemandem etwas zu behaupten man sei der beste Webentwickler, während man in der Tat gerade den Grundaufbau von HTML irgendwie hinbekommt…so sollte man auch gleich zugeben, wenn man von der DSGVO noch nie etwas gehört hat, insbesondere dann nicht, wenn die Idee bzw das fertige Produkt am Ende tatsächlich sogar rechtskonform sein soll. Hackathons sind nicht dafür da mit dem Endprodukt zu glänzen. Die Grundidee ist: selber dazu zu lernen und sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten auf die Probe zu stellen. Schließlich hat man in den nächsten zwei Tagen „genügend“ Zeit, um die Antwort auf Fragen zu recherchieren oder zu gucken „wie es denn nun gemacht wird“. So ist es in der Techszene tatsächlich nicht unüblich, dass Hacker an Hackathons teilnehmen, um neue Technologien, Programmiersprachen oder Schnittstellen kennenzulernen. Die gute Atmosphäre, ein tolles Team oder eine nachhaltige Geschäftsidee, welche man auch nach dem Hackathon weiterverfolgen könnte, gibt es oben darauf. 

Hilfe, wir haben keinen Hacker gefunden!

Die Besonderheit eines Legal Tech Hackathons macht gerade die Präsenz gemischter Berufsgruppen aus, die sich so vielleicht niemals treffen, geschweige denn zusammenarbeiten würden. So ist es tatsächlich aber auch nicht unüblich, dass manche Gruppen, trotz guter Organisation und Beachtung von Diversitätsmasstäben, ohne Hacker oder ohne Lawyer bleiben.

Die Lösung: gegenseitige Hilfe und networking. 

Kann vielleicht ein Team auf einen seiner Hacker verzichten oder gibt es sogar einen Anwalt, der sich mit Programmierung auskennt? Vielleicht kann ja ein Hacker kurz zweigleisig fahren und ein fremdes Team unterstützen? 

Ich habe schon alles gesehen und danke an der Stelle an die Hacker, die ihr Team verließen um anderen zu helfen bzw. denjenigen Teams, die für ein paar Stunden auf ihren Hacker verzichteten, damit dieser Grundlagenberatung leisten konnte.

Transparenz ist das A und O

Hackathons sind für die Veranstalter teuer. Raummiete, Verpflegung und technische Infrastruktur sind nur einzelne Posten, die im Rahmen einer solchen Veranstaltung bezahlt werden müssen. Dafür bekommt man spannende Einblicke, ein paar Stunden Freude und eine Möglichkeit fürs networking (außer man räumt sich die Rechte an den entwickelten Prototypen ein, wovon ich jedem dringendst abraten würde). 

Wie man merkt: ein wirtschaftlicher Mehrwert ist primär nicht das Ziel. Aus dem Grund wird man bei Hackathons, egal zu welchem Thema, regelmäßig auf Sponsoren treffen, die ihrerseits auch Teilnehmer hinschicken. Daher ist es aber umso wichtiger auf Transparenz und Fairness zu achten. Sitzt ein Mitarbeiter desselben Unternehmens wie ein Hacker in der Jury, ist dessen Bewertung abzuziehen und die Werte der anderen Mitglieder prozentual auszugleichen. Dasselbe gilt auch für vorher geschriebenen Codes, halbfertige Programme oder Ideen, die man von vorherigen Hackathons oder Pitches mitgenommen hat. Nur so kann man gewährleisten, dass kein schlechter Beigeschmack entsteht und jeder entsprechend seiner Leistung bewertet wird. 

Und ganz ehrlich: Ein laufendes Programm mit einem makellosen Design wirkt immer verdächtig…jedenfalls hat es nicht viel mit einem Hackathon zu tun, wenn alle ihre Ideen oder Prototypen von woanders mitbringen würden…pitchen und Investoren kann man auch woanders suchen. Zeig lieber was du kannst und knüpfe so langhaltig Kontakte!

Was kannst du als Teilnehmer, Zuschauer oder sonst. Interessent erwarten?

Für mich ist ein Hackathon immer ein kleiner Brutkasten der Zukunft. Die Entwickler sind schließlich in der Regel wesentlich weiter als die anderen Teile der Gesellschaft. Sie wissen schon früher was und vor allem wie es geht bzw.gehen kann. Doch die tatsächliche Ideen, wie man die zur Verfügung stehende Technologien in unser Leben integrieren kann, entstehen erst in Zusammenarbeit….oder durch eine lange und ausführliche Marktrecherche. Jedenfalls finde ich, dass man bei Hackathons sehr gut einen Blick auf die derzeitige Situation und auf zukünftige Lösungsmöglichkeiten werfen kann. 

Welche Probleme werden aktiv wahrgenommen, welche Aufgaben möchten die Teams erfüllen und vor allem wie? Oft entstehen die verrücktesten Sachen, und so ist man meistens am Ende nur noch beeindruckt, wie viel man innerhalb von 48 Stunden konzentrierter Arbeit tatsächlich schaffen kann, was eine Gruppe von ein paar Leuten aus verschiedenen Branchen ohne Vorurteile, Vorwürfe und Hetze ein gemeinsames Ziel entdecken, entwickeln und in der Regel sogar realisieren.

Mein Lieblingsteam?

Die Projekte aus dem Swiss Legal Tech Hackathon sind unter Github einsehbar, solange die Entwickler diese nicht wieder offline stellen. Ich habe dennoch oft die Frage gehört, welches mein Lieblingsprojekt nun gewesen sei. Ich könnte behaupten, dass es das Gewinnerteam war; dies ist jedoch nicht der Fall. Stattdessen fand ich das gesellschaftskritische Projekt, mittels der Kamera eines Smartphones die Höhe der Hecke des Nachbars messen zu können und in der entsprechenden App dessen Rechtmäßigkeit prüfen zu können….einfach grandios. Nicht, weil es sich zigfach verkaufen wird, nicht weil jeder sofort diese App nutzen würde…. Es muss nicht immer ein Projekt sein, dass sich danach möglicherweise verkaufen könnte/würde oder sogar einen wirklich monetarisierbaren Sinn hat. Die Jungs haben aber deutlich gezeigt über was tatsächlich im Alltag auch gestritten wird…Gesellschaftskritik vom Feinsten insbesonderen durch die Beantwortung der Frage: ob es hierfür eine Lösung gibt…. Die Antwort lautet JA! Die gibt es immer, für alles gibt es eine Lösung!

 …und für die Zukunft? 

Ein Hackathon ist eine Momentaufnahme und obwohl immer wieder ähnliche Ideen und Pitches auftauchen, würde ich grundsätzlich davon ausgehen kein Projekt zweimal, insbesondere nicht zweimal in derselben Art und Weise realisiert auf einem Hackathon zu sehen. Unterschiede gibt es immer und so ist es immer wieder aufs Neue spannend zu sehen wie sich Teams aus in der Regel völlig fremden Menschen finden, konzentriert und effektiv zusammenarbeiten aber auch unfassbar viel Spaß haben und Tolles realisieren. Das Format ist einzigartig und ich bin mir sicher, dass sich hier auch Freundschaften für ein Leben finden können. Daher würde ich grundsätzlich immer jedem raten der eine solche Veranstaltung organisiert, zu versuchen eine möglichst bunte Truppe zusammenzutrommeln und vor allem den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Die Teams gehen und finden ihren Weg schon selbst. 😉

Bis zum nächsten Jahr in der Schweiz, zum nächsten Swiss Legal Tech 2019.

 

Weiterführende Hinweise

zur Teilnahme auf einem Hackathon als Jurist

Swiss Legal Tech 2018

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