Staatsexamen 2.0 – keine Ausreden mehr

„Die Weichen, die wir in den nächsten Jahren stellen, werden bestimmen, ob die Digitalisierung eine Erfolgsgeschichte für unsere gesamte Gesellschaft sein wird.“

Der 2.10.2018 war der entscheidende Tag, an dem ein gemeinsamer Antrag der Fraktionen von SPD und Grünen in der Hamburgischen Bürgerschaft hervorging. Einstimmig beschlossen am 17.10 steht nur fest: Hamburg könnte als erste einen Schritt in die richtige Richtung einer zeitgemäßen Ausbildung gemacht haben. Dies sollten wir als Anlass nehmen, um darüber nachzudenken, was im klassischen Jurastudium noch Bestand hat und welche Kompetenzen in der Praxis dringend gebraucht werden und zukünftig an den Universitäten vermittelt werden sollten.

An der Stelle vielen Dank an Herrn Urs Tabbert,  justizpolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, dem Landesparlament der Stadtstaat Hamburg, dass er sich die Zeit genommen hat meine Fragen zu beantworten.

Der Antrag, Staatsexamen 2.0

Nun ist es also soweit: der Senat soll sich mit der Frage befassen, unter welchen Voraussetzungen Klausuren des ersten Staatsexamens am Computer geschrieben werden sollen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund interessant, dass dem entsprechenden Antrag somit eine Leuchtturmfunktion auf dem ansonsten ziemlich trüben Horizont der deutschen juristischen Ausbildung zukommt, zumindest was Modernität und zeitgemäße Ausgestaltung angeht.

Entsprechend der Strategie „Digital First“ sollen so die Studierenden als ersten Schritt die Möglichkeit haben, die Klausuren elektronisch anzufertigen. Wie dies im Detail aussehen mag beziehungsweise dies zu untersuchen, ist nun Aufgabe des Senates. Jedenfalls sei das Ziel, eine entsprechende Rechtsgrundlage zu schaffen. Ob die Lösung zukünftig auch für die Prüfungen im 2. Staatsexamen auch gelten könnte, bleibt offen. Hierfür müsste aber der entsprechende Länderabkommen mit Bremen und Schleswig-Holstein angepasst werden. Unmöglich ist dies jedoch nicht.

Der Vorteil am Standort Hamburg ist, dass im Stadtstaat 6-mal im Jahr Klausuren stattfinden, wodurch sich die entsprechende Anzahl der Prüflinge pro Termin relativiert. Zum Vergleich: während im Jahr 2016 714 Kandidaten insgesamt geprüft wurden, kommt Bayern auf eine Anzahl von 3213 Kandidaten, dies geteilt durch 2, da hier 2 Termine im Jahr angeboten werden. Ernüchternd, wenn man nun anfangen würde Chancen und Möglichkeiten auszurechnen, wann mit einem entsprechenden Antrag weiter im Süden zu rechnen wäre. Dasselbe gilt übrigens für Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen, die allesamt 4-stellige Kandidatenzahlen haben.

Dasselbe Erkenntnis gilt auch für Sachsen-Anhalt (geprüfte Kandidaten in 2016: 2012), hier sollen im Frühjahr 2019 die Klausuren des 2. Staatsexamens elektronisch geschrieben werden. Allesamt tolle Entwicklungen also und es scheint, als ob die Landesjustizprüfungsämter endlich aufgewacht wären. Dabei darf man jedoch folgende Aspekte nicht aus den Augen verlieren: Studierende der Rechtswissenschaften haben nun kurz vor dem Examen möglicherweise 3-4 Jahre lang das schnelle Schreiben per Hand geübt, kennen sich mangels entsprechender Unterrichtseinheit nicht mit den Technologien aus, sind allenfalls im Umgang mit diesen oft nicht geübt. Es mag sein, dass auf einem Laptop zu schreiben für die meisten von uns nichts Neues oder sonderlich Anstrengendes sein dürfte. Doch die wenigsten kennen sich mit den gängigsten Betriebssystemen aus und würden nach meiner Einschätzung große Probleme bekommen, sobald auf den zur Verfügung gestellten Computer eine Version von Linux anstatt MacOS oder Windows läuft. Außerdem wage ich es zu bezweifeln, dass alle von den aktuell immatrikulierten Studierenden das schnelle oder 10-Finger-Schreiben auf dem Computer hinkriegen. Probleme, die man bei den Digital Natives vermutlich nicht suchen würde. Doch Tatsache ist, dass nicht alle den Entwicklungen gegenüber positiv eingestellt sind. Diese Belange anzuhören und diese zu diskutieren ist nun genauso Aufgabe der zuständigen Stellen, sobald es sich örtlich realisieren lässt, Aufgabe der Dekane, Prüfungsämter und der Universitätsleitung.

So wird man im Jurastudium über kurz oder lang nicht vermeiden können, digitale Kompetenzen vermitteln zu müssen, die Studierende endlich zeitgemäß auszubilden und nicht nur (hoffentlich bald) entsprechend zu prüfen. 

Ab heute Student, 2023 Diplomjurist..und dann?

Grundsätzlich gilt, dass die Erstsemester des Wintersemesters 18/19 frühestens in 4-5 Jahren als Diplomjuristen, in 5-6 Jahren als Volljuristen auf den Arbeitsmarkt kommen. Vor dem Hintergrund, wie schnell sich alltägliche Abläufe in den letzten 8 Jahren geändert haben, wird niemand voraussagen können, wie die Welt in 2023-24 aussieht. Umso wichtiger wäre es bereits jetzt zu definieren, welche Kompetenzen in der Zukunft essentiell sein werden, welche Fähigkeiten gefestigt und hierfür trainiert werden müssen. So würde ich die Annahme in den Raum stellen, dass kommunikative Fähigkeiten in naher Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen werden. Während die Maschinen Tätigkeiten von uns abnehmen und automatisiert erstellen, wird man der zwischenmenschlichen, menschlichen Kommunikation umso mehr Wert zusprechen.  Entsprechende Kompetenzen werden jedoch aktuell mangels mündlicher Prüfungen  im Rahmen des gesamten (Grund) Studiums (in Würzburg) in keiner Form trainiert. So müssten Rhetorik, Präsentationstechnik aber auch Grundlagen aus der Psychologie fest im Pflichtstoff verankert und im Rahmen der Ausbildung vermittelt werden. Daneben fände ich den interdisziplinären Austausch mit anderen Fachrichtungen sinnvoll. Entsprechend könnten im Rahmen des Schwerpunktsstudiums auch Fachbereiche angeschnitten werden, in denen diese besonders ausgeprägt oder relevant sind. Damit könnte man Vorurteile und Diskrepanzen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen bereits in der Ausbildung aus dem Weg räumen und so die interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern; beispielsweise im Schwerpunktbereich Medien – und Urheberrecht mit Medienvertreter und Kommunikatoren; in den Bereichen Wirtschaftsstrafrecht oder Rechtsmedizin mit Aufsichtsräten, Ärzte etc. Schließlich bleibt es für mich bis heute ein Rätsel, warum es „Schadensersatzrecht für Ingenieure“ oder „Sozialrecht“ für Studierende des Studienganges Soziale Arbeit gibt, während Mathe/Physik/Arbeitsmethoden etc. oder psychologische Aspekte auf der juristischen Seite auf der Strecke bleiben. Entsprechende naturwissenschaftliche Kenntnisse brauchen Juristen nicht unbedingt. Diejenigen jedoch, die sich in den Bereichen spezialisieren oder an dem interdisziplinären Austausch interessiert wären, könnten davon profitieren. Dafür könnte der Schwerpunktbereich inhaltlich erweitert werden und so tatsächlich zur Vermittlung von praktischen Kenntnissen bereits im Studium führen.

Studis, werdet aktiv!

Entsprechend hoffe ich, dass mitunter die bundesweite politische Lage, der Nachwuchsmangel einzelner Bundesländer und der allgemeingültige Schwund der Jurastudenten dazu beitragen wird, dem Vorbild Hamburgs im Ersten und Sachsen- Anhalt im Zweiten Examen zu folgen und ähnliche Pilotprojekte zu starten. Hierfür muss zunächst einmal das bis zum 30.11.2019 zu präsentierende Ergebnis der Prüfung im Norden zu einem produktiven Resultat kommen, zu einer Lösung, die man realisieren kann, auf die man aufbauen kann, sodass andere Bundesländer diese aufgreifen könnten. 

Es liegt aber auch den Studierenden Eigeninitiative zu zeigen und aktiv auf die Dekane, Studiendekane, Prüfungsämter und Mitarbeiter der Landesjustizprüfungsämter zuzugehen und entsprechende Wünsche ausdrücklich zu fordern. Es wäre nicht das erste Mal, dass Studierende so viel Druck ausüben können, dass die Forderungen auch erfüllt werden.

Das Ziel ist in Hamburg zumindest klar: Die Studierende möglichst nah am späteren Beruf auszubilden …Schließlich braucht man sich die Frage, wer denn seine Texte heute noch per Hand schreibt, nicht mehr zu stellen. Und die Ausrede, dass das alles zu komplex und somit nicht machbar wäre, greift spätestens mit dem Beispiel Sachsen-Anhalt nicht mehr. Nun ist es an der Zeit, ihr müsst was tun! 

 

Quellen und weitere Hinweise:

LTO – Staatsexamen 2.0 

LTO- Sachsen Anhalt testet ab 2019 

Justizstatistik- Examenskandidaten in 2016 

Studentenproteste in Deutschland 

Die Geschichte des iPhones als Beispiel für die Schnellebigkeit der heutigen Welt

Unsere juristische Ausbildung hat dringend ein update nötig– Lex Superior, 2017

 

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