Ich erkläre dir, was in deinem Behördenschreiben steht – ein Interview mit “Uthority”

"die Zukunft soll so aussehen, dass der Bürger sich um Anmeldungen und Formulare gar nicht kümmern muss. Alle Leistungen werden zukünftig trigger-basiert und werden keines aktiven Zutuns seitens der Bürger benötigen."

Dank der Möglichkeiten und Chancen, die durch die Digitalisierung entstehen  ist eine neue Aspekte in die juristische (Dienst)Leistungserbringung hinzugetreten: Access to Justice. Im Zuge dessen sollen jedoch nicht nur bisher zu günstige und dadurch für Rechtsanwälte unrentable Ansprüche durch Dienstleister wie Flightright und Geblitzt.de geltend gemacht werden können. Vielmehr besteht der Wunsch, dass das gesamte Recht zugänglicher, möglicherweise sogar verständlicher wird. Dafür ist Visualisierung eine gängige und trotz seiner Schlichtheit sehr effektive Methode. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis ein StartUp, eine Idee oder ein Team die Methode aufgreift und unter dem  Hasthag #legaltech vermarktet. Wie gut die Idee ankommt und wie nötig solch´ ein Angebot in Deutschland sein könnte, haben sie vermutlich nicht geahnt. 

Ein Interview mit der Projektmanagerin des Gewinners der Kategorie Access 2 Justice des Global Legal Hackathons: Uthority.

Liebe Marianna, vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt meine Fragen zu beantworten. Erzähl mir bitte, woher kam die Idee für eure App?

“Das war die Idee von Christian: noch während des lokalen Hackathons in Frankfurt hat er seine Geschichte über einen Straßenausbaubeitragsbescheid erzählt. Er und seine Nachbarn wurden mit dem Schreiben aufgefordert, nicht unerhebliche Summen für den Ausbau einer Straße, der vor mehr als 10 Jahren stattgefunden hatte, einzurichten. Die Sprache des Schreibens war – wie die meisten Behördenschreiben – unverständlich. Manche Nachbarn haben sich einen Rechtsanwalt gesucht, andere haben Christian, der selbst Rechtsanwalt ist, angesprochen und um Hilfe gebeten. Jeder von uns konnte sich mit der Geschichte identifizieren, auch Anwälte unter uns, da man erstmal viel recherchieren muss, bevor man endlich die Sachlage einschätzen kann. Also der “pain point” aus der Nutzerperspektive war ziemlich offensichtlich.”

Es besteht ein großer Bedarf an solchen Anwendungen, weil die Formblätter der Ämter für juristischen Laien kaum verständlich sind. Denkt ihr, dass hieran sich langfristig etwas ändern wird? Hält ihr es für möglich, dass vielleicht sogar der Staat auf euch zukommen und eure Arbeit in Kooperation unterstützen wird?

“Eine Kooperation mit dem Staat wäre extrem hilfreich und wünschenswert! Nicht nur weil wir dadurch schneller weitere Bescheide in die Datenbank aufnehmen könnten. Es wäre durchaus im Interesse des Staats: sofern Bürger die Briefe verstehen und damit etwas anfangen können, werden sie weniger Behörden anrufen oder Termine zur Erklärung der Bescheide ausmachen, was zu einer Effizienzsteigerung führen würde. Die Mitarbeiter könnten sich dann auf “komplexere” Tätigkeiten fokussieren. In vielen Jobcentern gibt es eine separate Rolle “Bescheiderklärer”. Sofern wir unseren Job richtig machen, sollte diese Aufgabe nicht mehr existieren. Außerdem, sofern wir es schaffen die “Übersetzung” in die normale Sprache zu automatisieren, kann der “Kanal” in beiden Richtungen funktionieren – wir könnten den Behörden helfen, Begleitschreiben in einer einfachen Sprache zu erstellen.”

“Ob sich demnächst etwas an den behördlichen Formulierungen ändern wird, ist schwer zu sagen. Die Studie zu Beratungsgesprächen in Jobcentern von Frau Dr. Leister, die ich neulich gelesen habe, stellt fest, dass die bisherigen Maßnahmen zur Verbesserung der Kommunikation nicht so erfolgreich waren. Ich persönlich bin vom eGoverment-Modell am Beispiel Estlands sehr begeistert: die Zukunft soll so aussehen, dass der Bürger sich um Anmeldungen und Formulare gar nicht kümmern muss. Alle Leistungen werden zukünftig trigger-basiert und werden keines aktiven Zutuns seitens der Bürger benötigen. Somit sollen auch hoffentlich die Bescheide und schriftliche Kommunikation entfallen. Bis dahin hat Uthority eine Existenzberechtigung.”

Euer Team hat sich in der Vorrunde in Frankfurt zusammengefunden. Wie viele seid ihr heute und was macht ihr beruflich, welche Vorerfahrungen habt ihr im Bereich Legal Tech?

“Momentan sind wir noch vollzählig – zu acht. Wir werden aber in den nächsten Wochen entscheiden, wer sich in welchem Maß einbringen wird. Alles ist sehr schnell passiert und nicht jeder war für diese große Umstellung im Leben vorbereitet. Wir haben zwei Legal Engineers (Benjamin und Christian), drei Entwickler (Axel, Stephan und Marcel), zwei Doktoranden im Strafrecht (Malte und Philipp) und mich (Anm. der Interviewführerin: Marianna Matokhniuk) als Projektmojektmanagerin.”

Wie war es in New York? 

“Alles in New York lief gefühlt sehr schnell: wir sind am Freitagnachmittag geladet, am Samstag war die Gala und am Sonntag mussten schon einige von uns weiterfliegen. Die letzte Woche vor der Gala waren wir extrem unter Druck: das letzte Feedback zu den Folien von einem erfahrenen Unternehmer war nicht so positiv und wir mussten mit den Folien von vorne anfangen. Der nächste Schocker war die Übung des Pitches. Als ich die Folien an die Organisation abgegeben habe, konnten wir diese noch nicht im Team durchsprechen. Nur 5 Minuten hatte jedes Team für die Vorstellung ihres Projektes. Nach dem ersten Durchlauf des Pitches war die Zeit vorbei bevor ich ⅓ der Inhalte abdecken konnte. Eines war klar: wir mussten kürzen. Nach 2 Stunden Übung waren wir soweit. Aber wie es bei der Nervosität so ist: habe ich beim echten Pitch die Zeit beim ersten Teil überzogen, Christian durfte auf keinen Fall länger brauchen als bei der Übung. Am Ende hat es doch funktioniert und ich habe meinen letzten Satz bei der Uhranzeige 00:00 ausgesprochen.”

Was habt ihr seit der Vorrunde neu dazu entwickelt?

“Seit der Vorrunde haben wir unser Design angepasst und neue Features, wie bspw.  die Anonymisierung, hinzugefügt. Nutzer- und Experteninterviews haben gezeigt, dass einige Leute sich unwohl fühlen, die Bescheide in “fremde” Hände abzugeben, da diese teilweise sehr sensible Informationen beinhalten. Mit der neuen Version kann der Nutzer direkt mit seinem Finger solche Inhalte schwärzen. D.h. solche Daten speichern wir nicht und verarbeiten diese entsprechend nicht. Das kam sehr positiv an.”

Welche Ideen und Legal Tech Lösungen waren eure Konkurrenten?

“Im Finale gab es außer uns noch drei Teams in der Kategorie “Access to Justice” – zwei aus Brasilien und eins aus Indien. Alle waren extrem stark. Als wir die Videos aus der Zwischenrunde gesehen haben, dachten wir, es wird echt knapp. RUI (Brasilien) haben auf Rechnungsfehler der Telekommunikationsanbieter gesetzt und einen Chatbot nebst einer Webapplikation entwickelt, die dem Nutzer helfen soll, leicht die Rechnungsdifferenzen zu entdecken und sein Recht mittels Gerichten durchzusetzen. YouSolve (Brasilien) hat eine Art ODR-Plattform (“Online Dispute Resolution”) für Verbraucherrechte entwickelt, über welche man auch einen Rechtsanwalt mit dem Fall beauftragen kann. E-Barristers (Indien) haben sich auf die Abwicklungs von Versicherungsfällen spezialisiert.

Ich selbst war insbesondere von RUI beeindruckt – deren Video war extrem professionell. Man glaubt nicht, dass all das innerhalb weniger Wochen erstellt wurde! Zum Glück (ich glaub, es war besser so) haben wir den Pitch von RUI nicht gesehen, da wir zur gleichen Zeit einen Interview-Termin bei Legal Talk Network hatten. Ggf. war ich deswegen weniger nervös :-)”

Wie geht es nun weiter, wollt ihr an der Anwendung festhalten und diese weiter ausbauen? Was sind eure langfristigen Ziele? Plaudere bitte aus dem Nähkästchen wenn du darfst;) 

“Erstmal müssen wir noch einige Annahmen zu B2B-Anwendungsfällen gründlich prüfen. Da wir die App im großen Umfang für Nutzer umsonst zur Verfügung stellen möchten, um eben den besagten Zugang zum Recht zu ermöglichen, müssen wir uns ein solides Monetarisierungsmodell in einem anderen Marktsegment aufbauen. Unsere Idee ist “einfach”: wir wollen unsere Technologie (Texterkennung, Datenextrahierung und -strukturierung) im B2B-Bereich ansetzen, damit die App für den Nutzer mit Verständnisproblemen umsonst bleibt. Es ist leider ein klassisches “Huhn und Ei” Problem: wen soll man zuerst ansprechen – den Nutzer, der nicht zahlt, um eine größere Nutzerbasis zu etablieren, oder den zahlenden Nutzer, damit man in die Weiterentwicklung der Technologie investieren kann.

Einen der Use Cases – in Contract Analytics – wollen wir bereits nächste Woche auf der IACCM in Madrid (eine Konferenz der International Association for Contract & Commercial Management) validieren. Christian darf dort Uthority vorstellen.”

Die Meisten von euch sind im Angestelltenverhältnis. Wollt ihr die Selbständigkeit wagen?

“Das ist das Thema des “großen Gesprächs”, welches wir demnächst führen werden. Aber auch Selbständigkeit neben dem Angestelltenverhältnis hat seinen Charm: so können wir länger ohne Investoren weitermachen. Einige könnten sich auch eine Reduzierung der Arbeitsstunden im Angestelltenverhältnis vorstellen. Das sind alles Gedanken, welche sich keiner noch vor drei Monaten hätte vorstellen können…”

Egal wie es kommt, ich wünsche euch sehr viel Spaß und Erfolg auf eurem Weg, insbesondere dass sich eure Lösung langfristig durchsetzen kann und somit ein wenig mehr Verständnis bei der Lektüre der Briefe schafft.

Vielen lieben Dank! Auch für Deine Unterstützung und Deinen Glauben an uns!

 

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