Rückblick auf 12 Monate – Mein erstes Berufsjahr im Bereich LegalTech & Operations

“…Genauso wenig wie ich gedacht hätte, dass sich ein NGO im Vergleich zu umsatzstarken Unternehmen und Kanzleien so viel mehr Geld in die Hand nehmen würde, um ihre Prozesse zu verbessern und zu automatisieren. ”

An meine Geschäftsführerin: Danke für alles, ich werde Dir für immer und ewig dankbar sein für dein Vertrauen in mich. Danke dir, dass du uns und mich führst und dass du jeden Tag dein Bestes tust, um das Beste aus uns herauszuholen. Danke, dass du nicht erwartest, dass wir perfekt sind und dass du uns die Chance und jegliche Möglichkeiten einräumst, zu wachsen und besser zu werden. Danke, dass du nicht perfekt bist und es auch so kommunizierst. Danke für 12 Monate.

Disclaimer: Dieser Beitrag hätte eigentlich mein Sech-Monats-Fazit werden sollen. Doch dann kam Corona und gleichzeitig das Gefühl, dass es falsch sei mehr Digitalisierung und damit mehr Investitionen zu fordern, während manche um das wirtschaftliche oder echte Überleben kämpfen. Außerdem plagte mich eine extreme Schreibblockade. Vielleicht meine Art, den Virus und die Isolation zu verarbeiten? Und dann kam der Sommer und Monate verschenkte Zeit, in denen in der Gesellschaft im Hinblick auf eine potenzielle zweite Welle gefühlt kaum bis nichts passiert war. Eine verschenkte Chance, wie ich sehe, die nun vor allem die Schulkinder ab der Grundschule ausbaden müssen. Denn insbesondere hier hätte man mehr tun können. Und nun ist die zweite Welle da. Diesmal gehe ich es anders an. Meine Schreibblockade ist überwunden. I am back und ich freue mich.

Du denkst LegalTech öffnet alle Türen. Dann denkst du falsch.

Es ist ein bisschen mehr als 12 Monate her, dass ich mein Examenszeugnis in den Händen hielt und bereit war voller Motivation in die Arbeitswelt im Bereich LegalTech einzusteigen. Ich war mir sicher, nach den vielen Vorträgen, Artikel, Marketingmaßnahmen die ich sah oder an denen ich mitwirken durfte und hatte Hoffnung endlich meine Chance als Angestellte zu bekommen. Ich war mir sicher, dass es nicht alles leere Versprechen und PR gewesen sind, und dass es Kanzleien gibt, die das Thema Digitalisierung ernsthaft und vor allem richtig angingen. Doch dann musste ich feststellen, dass ich mich geirrt habe. Digitalisierung findet statt, aber die wenigsten stellen dafür eine Person bei sich ein und die meisten Projekte sind in den normalen Arbeitsgruppen neben dem Tagesgeschäft verortet. Eigene Teams für Digitalisierungsprojekte fehlen. Ein wahnsinniger Verlust, wie ich finde. Denn denjenigen, die inhaltlich in ihrem juristischen Umfeld einen wahnsinnigen Talent haben, plötzlich Schnittstellenaufgaben im Digitalisierungsumfeld aufzutragen ist möglicherweise ein doppelter Verlust. Diese Personen  müssen zusätzliche Ressourcen aus ihrem Tagespensum aufopfern für Aufgaben, für die sie zum Teil überqualifiziert sind, während das Projekt nicht vom vollen Potenzial schöpfen kann, welches es bräuchte, um nicht nur auf Sparflamme irgendwie nebenbei durchgeführt zu werden. Berater*Innen machen extrem viel Sinn, doch sie können immer nur eben Berater*Innen sein. Die Arbeit, die inhouse durchgeführt werden muss, werden sie nicht abnehmen können, das können sie gar nicht.
Doch gleichzeitig habe ich mir selbst die schmerzhafte Frage stellen müssen: was kann ich überhaupt? Ich wusste und war mir sicher, dass ich den Aufgaben, die im Rahmen von Transformationsprojekten und Change Management-Themen auf mich zukämen, auf die ich extrem Lust hatte, gewachsen sei und es auch durchführen könnte. Doch wir leben in einem Land, in dem man als Berufseinsteiger Zertifikate und Referenzen braucht. Beides hat man jedoch nicht unbedingt. Ein Teufelskreis. Und während ich während des Studiums mein Netzwerk aufbaute, legte ich einen Schwerpunkt darauf, dass dieses hinreichend divers sei, damit ich selbst nicht in der typischen Bubble-Falle lande. Doch dies schien genau das Problem zu sein. Ich konnte also die Schuld nicht der Welt geben, musste dies aber erst mal selbst erkennen. Eine kleine persönliche Krise.

Bis mir ein kleiner, frisch gegründeter Social LegalTech Startup entgegen kam, bei dem ich das Gefühl hatte: Das ist es!

Und während ich mir in der Produktion am Band eine Überbrückungshilfe geholt habe, für die ich bis heute extrem dankbar bin, überlegte ich doch den klassischen Weg des Referendariats einzuschlagen. Bis mir ein kleiner, frisch gegründeter social LegalTech Startup entgegen kam, bei dem ich das Gefühl hatte: das ist es. Mein Glück: eine Geschäftsführerin, die einerseits extrem gut beraten wurde und andererseits verstand was sie und es braucht. Ich habe sie gebraucht und sie hat wohl mich gebraucht, und nun stehe ich heute da, am Ende meines ersten Berufsjahres im NGO Bereich. Dass ich jemals im sozialen Umfeld landen würde war für mich unvorstellbar. Genauso wenig wie ich gedacht hätte, dass ein NGO sich im Vergleich zu umsatzstarken Unternehmen und Kanzleien so viel mehr Geld in die Hand nehmen würde, um ihre Prozesse zu verbessern und zu automatisieren. Was wir machen: echten Zugang zum Recht. Was ich damit meine erkläre ich bereits hier. Wo ich es mache, kann ich jedoch aus Gründen nicht publik machen. Heute möchte ich jedoch meine wichtigsten Learnings aus den ersten 12 Monaten festhalten.

Daten sind das neue Öl, aber es braucht einen Motor, Luft und Zündung. Ohne ist es nur Problemmüll.

Daten sind das neue Öl, so heißt es überall. Doch was viele vergessen ist, dass ÖL in reiner Form nur Problemmüll ist, wenn man nicht weiß, wie man es verwenden soll oder nicht die richtige Maschine dafür hat. Ein Datenberg ist nichts anderes als ein Haufen Problemmüll, um dessen Verwertung man sich kümmern muss, doch sobald es produziert wurde, trägt man Verantwortung dafür. Genauso wie man Öl nicht offen gelagert überall rumliegen lassen kann, muss man seine gesammelten Daten sicher erheben, verwahren und beschützen. Stichwort Datenschutz. Aber die Gedanken, was man mit diesen Daten machen möchte, sollte man sich idealerweise vorher gemacht haben. Der beste Merksatz an der Stelle ist lustigerweise (Jurist*innen werden es verstehen): Wer will was, von wem, woraus?

Mit welchem Ziel erhebe ich meine Daten, was will ich damit machen und für welchen Zweck? Einen Großteil dieser Fragen muss man sich aufgrund der Vorgaben aus dem Bereich des Datenschutzrechts ohnehin beantworten. Doch die Antworten sind wahnsinnig wichtig, damit man nicht einfach einen Müllberg produziert, von dem man am Ende nur einen kleinen Teil verwerten kann, wenn überhaupt.

Doch bevor man sich diese Fragestellungen abschließend beantworten kann, könnte es auch nicht schaden, erst mal sein Haus und seinen Hof aufzuräumen. Wo stehen wir gerade eigentlich? Wie machen wir das heute? Wie arbeiten wir und welche Prozesse haben wir überhaupt? Werden unsere Daten überhaupt sauber erhoben?

Ja, diese Fragen sind anstrengend. Doch um die Worte meiner Geschäftsführerin zu zitieren von dem Moment, als ich für mich wusste warum sie so unfassbar gut ist: “[…]Danke für deine guten Ideen und deine schlauen und deswegen manchmal nervigen Fragen.[…]”. Zugegeben: als junges Unternehmen ist es einfacher Strukturen von Anfang an möglichst effizient und am Puls der Zeit aufzubauen, als bestehende Strukturen zu verändern. Doch dafür hat man in der Regel weniger know how und/oder finanzielle Ressourcen. Beides haben ihre  Vor-und Nachteile.

Definiere deine Ziele und deine Werte!

In meinen ersten Arbeitswochen habe ich hauptsächlich die offensichtlichen Aufgaben angenommen und nach meinem bestehenden Wissen versucht die Probleme, die ich sah zu lösen. Doch was ich überhaupt machen soll, war nicht ganz klar. Bis zu dem Tag, an dem wir uns zusammengesetzt hatten und die Ziele definierten. Ob KPIs, OKR, ideelle Ziele oder messbare Ziele, Projekte oder   einfach nur Träume, ist am Anfang eigentlich egal. Und in einem (Achtung Buzzword) agilen Umfeld werden sich diese Ziele auch immer wieder ändern. Das sollten sie sogar, je mehr das Umfeld sich ändert, in unserem Beispiel wie verrückt wächst, und somit auch neue Herausforderungen mit sich zieht. Doch die Frage, “was will ich überhaupt” ist die Grundlage, auf die man aufbauen sollte. In der Grundschule hieß es immer, als man die Grundrechenarten gelernt hat: diese Grundrechenarten sind euer Fundament, damit euer Haus, euer Wissen in den späteren Schuljahren stabil stehen kann. Was die aktuelle Zeit für Grundschulkinder und deren Fundament bedeutet wird sich zeigen. Aber ich tue mich persönlich schwer damit mit vorzustellen, wie eine Organisation oder Unternehmen wirtschaftlich oder zumindest kostendeckend arbeiten soll, ohne die eigenen Ziele zu kennen. Hand aufs Herz: könntest du die Ziele deines Unternehmens ad hoc sagen?

Genauso verhält es sich aber auch mit den Werten. Was ist unser Leitgedanke? Was motiviert uns jeden Tag aufzustehen und diesen Job zu machen? Für wen/was machen wir das überhaupt? Wie wichtig ist uns Authentizität, Datenschutz, Nachhaltigkeit? Ja, viele Themen sind typische Themen der Kommunikation. Doch wenn diese ausschließlich in den Bereichen PR & Marketing bleiben, dann sind es schick aufbereitete Themen, die für eine Kampagne mal kommuniziert wurden. Doch wenn sie nicht auch gelebt und verwirklicht werden, dann sind diese letztendlich durch dass Fenster geschmissenes Geld, wenn man vom Traffic absieht, welches die Kampagne generiert hatte.

Du kannst es dir nicht erlauben stehen zu bleiben, manchmal musst du es aber.

Zu der Frage, wie schnell sich das gesamte Weltwissen verdoppelt, gibt es unterschiedliche Zahlen. Während 2013 die Zahl laut diesem Artikel nur 700 Tage betrug, kommt es 2020 vermutlich auf die einzelnen Themenbereiche an. So entstehen gefühlt jede Woche neue Technologien oder bestehende Technologien entwickeln sich in eine Richtung weiter, dass sie kaum noch das darstellen, was sie ursprünglich waren. Diese Tatsache macht das (Achtung Buzzword) lebenslange Lernen zu dem was es ist, ein Muss. Wir können uns es nicht erlauben stehen zu bleiben und die Entwicklung nicht zu verfolgen, ohne Angst zu haben abgehängt zu werden. Aber wem sage ich das? Jurist*Innen sind schon immer berufsrechtlich und tatsächlich gezwungen sich weiter zu bilden, spätestens wenn sich die Gesetze ändern. Doch der Rhythmus und die Gesellschaft hat sich verändert und man bekommt schnell das Gefühl sofort reagieren zu müssen.

Doch man muss nicht auf jeden Zug aufspringen und jeden heißen Sch** ausprobieren. Die Herausforderung bedeutet heute kurz stehen zu bleiben, sich zu überlegen ob sich das lohnt und es einen Sinn macht X,Y,Z sich näher anzuschauen und länger damit zu beschäftigen. Wir haben nun mal nur 24 Stunden Zeit und wenn man sein Tagesgeschäft erfüllen, sich stets weiterbilden und alles digitalisieren und verbessern und verändern wollte, würde man bereits den Rahmen der 24 Stunden gesprengt haben, ohne gegessen, geschlafen und Zeit für seine Liebsten in Anspruch genommen zu haben.
Ja, der neueste heiße Sch*** ist extrem spannend und wenn man ein wenig nerdig ist, dann macht es sogar extrem viel Spaß eine halbe Stunde sich damit zu beschäftigen. Doch man kann nicht alles wissen, über alles bestens informiert sein und alles bei sich implementieren. Man muss sich für eine Richtung entscheiden, s. Abschnitt Ziele und Werte. Und diese Ziele, Pläne und insbesondere sich selbst immer wieder zu reflektieren ist vermutlich das, was der heutigen Welt und der Bevölkerung am besten tun würde. Egal wie stressig, schmerzhaft und anstrengend es ist, immer wieder stehen zu bleiben und sich selbst ein paar Fragen zu stellen ist das, was mir in den letzten 12 Monaten den meisten Mehrwert geliefert hat.

An mein Team: Danke für 12 Monate, auf die nächsten *Prost*!

Quellen und weiterführende Hinweise:

BPB- Technischer Fortschritt Fluch oder Segen

Wirtschaftslexikon Gabler – Key Performance Indicator (KPI)

Buchempfehlung (nicht affiliate): John Doerr- OKR-Measure what matters

Podcastempfehlung: Talking Legal Tech zu Legal Process Management

Podcastempfehlung Nr. 2: Talking Legal Tech – Jura, Tech & Microprogramming

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