Was mir mein Motorradkennzeichen für meine Arbeit gelehrt hat

“Und ich war mir sicher, dass ich durch mein System alles wieder zurück bauen könnte. Zumindest am selben Tag. Denn eine Woche später wusste ich nicht einmal mehr, wo ich anfangen sollte.”

Wer mir fleißig auf Social Media folgt weiß, dass ich letztes Jahr mein Mut gepackt habe und den Direkteinstieg für den unbeschränkten Motorradführerschein gewagt habe. Das Timing schien perfekt und ich konnte zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown den Schein direkt beim ersten Versuch erwerben. Bezüglich Fahrzeugkauf sah es dann komplizierter aus, es hat 3 Monaten Recherche (oder eher suchthaftes Durchforsten jeglicher Gebrauchverkaufsplattformen), jegliche Stunden und ein bisschen Glück gebraucht. Dennoch konnte ich am Ende mein Traumfahrzeug kaufen.

 

 

Ich hatte Glück, denn das Modell ist zwar beliebt und es gibt viele Exemplare davon bei EbayKA und Co. aber (wie für mich absolut typisch) habe ich nach einem Sondermodell aus einem bestimmten Baujahr mit einer bestimmten Ausstattung gesucht (ja, das gibt es bei Motorräder auch). Gefunden habe ich einen typischen Scheunenfund aus den Händen eines fachkundigen Rentners. Ein Traum im Originalzustand.
Aber genau Letzteres wurde mir “zum Verhängnis”. Originalzustand bedeutet Originalspiegel, Originallenkrad, Originalauspuff und vor allem Originalkennzeichenhalter.
Man denkt, dass die Sonderansprüche hauptsächlich bei Autos beliebt seien. Um ehrlich zu sein: ich hätte niemals gedacht, dass man an einem Motorrad legal so viel ändern darf. Wichtig ist nur, dass es für alles ABEs (allgemeine Betriebserlaubnisse für das jeweilige Fahrzeug) und bei bestimmten Teilen E-Nummer vorhanden sein sollten.

Wie RA Felix Prochnow immer sagt: “wer ein Motorrad hat, der/dem fehlt das Geld für Drogen”.

Und das stimmt auch. Die Grenze, wie viel man in sein Fahrzeug maximal investieren kann, existiert nicht. Zum Glück war und bin ich aber mit dem Grundzustand super happy und ich wollte erstmal mein Fahrzeug kennen lernen, bevor ich irgendwas ändere. Mit einer Ausnahme: dem Kennzeichenhalter (wie ich gehört habe wohl Nr. 1 der Motorrad-Modifikationen).

Die Vorbereitung

Es soll also ein neuer Kennzeichenhalter her. Ich habe zwar glücklicherweise einen handwerklich sehr begabten Ingenieur an meiner Seite, der auch bereits ist einen Zylinderkopfschaden selbst zu reparieren. Doch es sollte eigentlich mein Projekt werden. Daher gilt: Vorbereitung ist alles. Zum Glück hatte ich im zweiten Lockdown genug Zeit dafür. Das Motorrad war eingewintert in einer Halle, außerdem hatte ich keinen Zeitdruck, man hätte ja noch 4 Monate bis März.

Ich habe sämtliche Forenbeiträge, Erfahrungen und Berichte gelesen, ich wusste (dachte ich), was auf mich zukommt. Ich wusste, dass es schwierig werden könnte, da der Halter, den ich gerne hätte, in der Regel zu lang ist und die Reflektoren daher dazu neigen an dem Hinterrad zu schleifen.
Ich wusste auch, dass sobald der alte Halter entfernt wird, ein kleiner Spalt zum Werkzeugfach entstehen würde, durch das stets Wasser von der Strasse in den “Innenraum” des Fahrzeugs gelangen würde. An sich kein großes Problem, da ich ohnehin nicht vor habe im Regen zu fahren, dennoch doof. Darum wollte ich mich aber erst später kümmern. Wer weiß schon, ob es denn überhaupt klappen würde.

Gewappnet mit einer bebilderten Anleitung (an der Stelle vielen lieben Dank an die Mitreiter*Innen beim SV-Rider – Forum) baute ich also meinen originalen Halter aus, um Bestandsaufnahme der Möglichkeiten für eine neue Befestigung zu machen. Ich habe aus früheren Projekten auch schon gelernt, dass man akribisch darauf aufpassen sollte die Schrauben, Mütter und Unterlegscheiben bereits beim Ausbau zu sortieren und von Anfang an sortiert zu lassen, damit man im Fall der Fälle alles wieder nochmal zusammenbauen kann. Auch wenn es dazu, zum Glück, niemals kommen sollte.

 

 

Die Anleitung sah einfach aus, dass ich dennoch über 3 Stunden brauchen würde, hätte ich nicht gedacht. Schritt für Schritt lockerte ich aber jede Schraube, trennte die Kabel durch und verlötete die neuen Blinker an den (tatsächlich) richtigen stellen. Ich war stolz, denn bis hierhin hatte ich keine Hilfe braucht. Und man will ja ordentlich und akribisch arbeiten. Ich war mir sicher, dass ich durch mein System alles wieder zurück bauen könnte. Zumindest am selben Tag. Denn eine Woche später wusste ich nicht einmal mehr, wo ich anfangen sollte.

Die ersten Fehler

Daheim angekommen setzte ich mich im Anschluss nach dem erfolgreichen Ausbau erneut an den Rechner und recherchierte nach Kennzeichenhalter. Der Ingenieur bot mir zwar an einen neuen Halter selbst zu entwerfen, ich wollte es aber alleine schaffen. Außerdem habe ich keine Ahnung und überhaupt keine Muße für ein Eigendesign und ich bin auch bereit für gute Produkte zu bezahlen.  Also bestellte ich einen Universal-Halter (FehlerNr.1) aus dem mittleren Preisbereich. Das Teil ist verzinkt, gepulvert und explizit für mein Fahrzeug konzipiert worden, laut Beschreibung (LOL). Die Vorfreude war groß, die Enttäuschung umso größer, als ich 4 Wochen später merkte, dass das Teil zwar “reinpasst” aber weit und breit über keinerlei Haltemöglichkeiten verfügt, um den Halter an dem Fahrzeugrahmen zu befestigen. Die Verzweiflung war groß und da ich mir wirklich viel Zeit liess, war die Rückgabefrist auch schon verstrichen. Also griff ich doch zum Telefonjoker und liess den Ingenieur den Halter konstruieren, designen und fertigen. Meine einzige Aufgabe bestand lediglich darin alles auszumessen (Fehler Nr.2).

Weil mein Motorrad allerdings in einer 30 km entfernter Halle überwinterte, hatte ich keine Möglichkeit zwischen Moped und Rechner hin- und her zu rennen und meine Messergebnisse zu überprüfen. Es wird ja wohl funktionieren. Wenn ich aus unseren bisherigen Projekten eins gelernt habe ist: wenn es um Holz geht, gibt es einen Toleranzbereich von 2-3 cm. Wenn es um Metall, dann eher 1-2 mm (wenn überhaupt). Selbstverständlich habe ich mich vermessen, dann habe ich einen Teil der Halterung verloren und aus meinem ursprünglichen Plan wurde am Ende auch nichts.

Ich wollte nämlich nichts an meinem Motorrad nachhaltig und unumkehrbar verändern, so dass der alte Kennzeichenhalter jederzeit wieder montiert werden kann. Da der einzige Spalt, den wir für die Befestigung zur Verfügung hatten, zu schmal war, musste ich jedoch an der Stelle den Kunststoff mit dem Dremel vergrößern. Das tat weh. Immerhin ist mir jedoch der Spaltmaß an der Stelle ganz gut gelungen, so dass man heute kaum was davon sieht.

So stand ich nun da, mit einem mehrfach abgeänderten Prototypen, der geflext, gedreht, gebohrt, gepulvert und zusammengeschraubt wurde, um meinen “passend für Ihr Fahrzeug”- Halter irgendwie befestigen zu können. Mit den mehrfach angepassten Spacer hat dann der Abstand zum Hinterrad auch gepasst und der Spalt? Für den hat sich der Ingenieur eine Lösung aus dem 3D-Drucker überlegt.

Relevanz?

3 Monate Arbeit im Schnelldurchlauf, oder auch: was passiert, wenn eine Juristin handwerklich etwas machen möchte. Was das alles für meinen Job bedeuten soll? Vielleicht zu weit hergeholt, aber auf dem Heimweg fielen mir einige Parallele ein:

  1. Vorbereitung ist alles: mit guter Vorbereitung kann man einen besseren Plan machen. Ein besserer Plan hilft das Projekt innerhalb der vorgesehenen Zeit mit dem erwünschten Ergebnis zu Ende zu führen.
  2. Man sollte genau wissen was man kann und in den anderen Bereichen von Anfang an auf externe Hilfe zurückgreifen. Das bedeutet nicht, dass man dort auch nichts mehr machen muss, denn die externe Hilfe kann auch keine Gedanken lesen. Außerdem sollte dieser Zeitpunkt auch nicht zu spät sein. Denn es ist immer einfacher bereits bei der Planung die Erfahrung einer anderen Person heranzuziehen, bevor man etwas irreparabel zerstört oder bereits die ersten Fehler begangen hat.
  3. Netzwerke sind wichtig. Man muss und wird nicht alles selbst durchführen können. Umso wichtig ist es, dass man weiß, wo man sich Unterstützung holen kann.
  4. Kommunikation ist alles: wenn man mit anderen zusammen arbeitet, sollte die Zielsetzung, die Anforderungen und die Wünsche von Anfang an klar sein. Denn nur dann können die Parteien erfolgreich miteinander arbeiten und das beste Ziel für alle erreichen.
  5. Insbesondere wenn man das Gefühl hat das Projekt nicht 100%-ig zu beherrschen und nicht alle Punkte selbst durchführen zu können, sollte man an den problematischen Stellen sich mehr Zeit einplanen (der Halter ist am 20.02. fertig anmontiert worden. Recht knapp zum Saisonstart.)
  6. Genug Puffer lassen. Es ist nicht schlimm, wenn einem mittendrin auffällt, dass man etwas vergessen/übersehen/nicht bedacht hat. Wenn genug Puffer vorhanden ist.
  7. Universalteile passen zu vielen Modellen, allerdings nur mehr oder weniger richtig. Universalteile sind dafür da, dass man sie mit wenig Veränderung an sich recht gut verwenden kann. Doch die Zeit für die Veränderungen sollte man sich nehmen. Je mehr Zeit, Geld und Mühe man an der Stelle investiert, umso besser wird das Gesamtergebnis. Das gilt für agile Arbeitsmethoden, Softwarelösungen und Grundprinzipien. Diese dienen alle als Leitfaden und sollten auch nur als Grundlage für weitere Veränderungen dienen.
  8. Man sollte nicht beim Werkzeug sparen. Auch mit schlechten Werkzeugen kommt man irgendwie zu einem Ergebnis. Mit guten Werkzeugen ist es einfacher und das Ergebnis in der Regel schöner. Wer günstig kauft, kauft in der Regel ohnehin doppelt.
  9. Auch wenn man eigentlich keine Ahnung davon hat was man macht, sollte man es niemals sein lassen. Jeder Versuch führt zu einem Ergebnis, welches den eigenen Horizont erweitert.
  10. Man lernt bei jedem Projekt unfassbar viel dazu. Dieses Wissen sollte man auf jeden Fall teilen.(in meinem Fall bedeutet es eine entsprechende Rezension beim Hersteller, dass das Teil zwar passen würde aber weitere Anpassungen bei meinem konkreten Motorrad bedarf)

 

 

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